Unbegründete Ängste
Posted by Michael Clivot on Juli 23rd, 2010 in Enterprise 2.0, Social Media, Social Workplace, Web2.0 | Keine Kommentare »
Enterprise 2.0 ist in der heutigen digitalisierten Gesellschaft ein Thema. In vielen Unternehmen wird darüber diskutiert, auch wenn es oft noch Missverständnisse über die Definition und Ziele von E2.0 gibt, z. B. dass nicht darum geht, Facebook im Unternehmen einzuführen. Von dem Wissen über die Möglichkeiten bis zur Umsetzung solcher Strategien herrscht allerdings noch eine riesige Kluft, die sich noch sehr wenige Unternehmen zu überwinden wagen.
Diese Kluft entsteht unter anderem deshalb, weil viele Vorstände, Manager, Entscheidungsträger Angst davor haben. Sie haben Angst vor dem Schritt, die internen Kommunikationsstrukturen an die digitale Zukunft anzupassen, die Kommunikationskultur zu verändern und damit verbundenen möglichen Konsequenzen. Als wir vor kurzem im Gespräch mit einem weltweit agierenden Unternehmen mit mehr als 17.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unsere strategischen Ansatzpunkte vorstellten, konnten wir die diese Befürchtungen erleben:
“Naja, wenn ich mich mit jemanden face-to-face oder am Telefon unterhalte, dann ist das erst einmal nicht protokolliert. Wenn ich das im Intranet über ein soziales Netzwerk mache, dann schon.” Ein verständlicher Einwand und sicherlich eine der wichtigsten Befürchtungen.
Natürlich ist es so, dass Enterprise 2.0 zu einer transparenteren, direkteren und weitreichenderen Kommunikation führt und hierarchische Strukturen teilweise aufweichen kann. Auch ist verständlich, dass man sich im Unternehmen Sorgen macht, ob beispielsweise sensible Informationen verbreitet werden könnten. Doch diese Ängste sind unbegründet:
1. Flache Strukturen und schnelle Prozesse sind im Interesse jedes Unternehmens.
2. Man sollte den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchaus zutrauen, rational entscheiden zu können, ob eine Information abgesetzt werden kann oder nicht. Die meisten tun dies auch privat in sozialen Netzwerken und haben mehr Erfahrung als Unternehmer annehmen.
3. Enterprise 2.0 ist eine Entscheidungshilfe, kein Entscheidungsersatz. Entscheidungsträger bleiben Entscheidungsträger und die letzte Instanz, Entscheidungen zu treffen. Sie können es sich mittels enger Kommunikation allerdings deutlich leichter machen.
4. Üblicherweise folgen die Strukturen in den Unternehmen nicht den Möglichkeiten der Mitarbeiter. Die Mitarbeiter passen sich vielmehr in die bestehenden unflexiblen Strukturen ein. Arbeiten unter diesen Bedingungen ist für immer weniger Mitarbeiter sinnvoll und macht sie unkreativ. Enterprise 2.0 kann also ein Beitrag zur Motivation sein und Steigerung von Kreativität bedeuten.
5. Falsche Inhalte gibt es in jedem Intranet, und falsche Informationen können Geschäftsprozesse beeinflussen. Durch Enterprise 2.0 können aber Darstellungen, Mitteilungen, Zahlen usw. viel schneller auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Durch Kommentare, Links etc. können Falschinformationen schneller aufgedeckt, widerlegt und korrigiert werden.
6. Durch Bewertungssysteme, seien sie manuell (Sterne, Punkte, “gefällt mir” usw.) oder automatisch (meiste Klicks, meiste Kommentare usw.) können die Sorgen und Interessen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder strittige Themen im Unternehmen identifiziert werden. Darauf kann die Unternehmensleitung schneller reagieren. Auch heute finden solche Bewertungen schon statt. Allerdings im Verborgenen, ohne dass das Unternehmen von den Erkenntnissen profitieren kann.
Der Weg zu Enterprise 2.0 ist sicherlich eine Herausforderung und eine Umstellung. Diese Umstellung will auch geplant und auf höchster Ebene gewollt sein, wenn sie erfolgreich sein soll (Hierzu empfehle ich den Vortrag von Tim Miksa: Die 7 wichtigsten Erfolgsfaktoren für Enterprise 2.0 Projekte). Fakt ist aber, niemand braucht davor Angst zu haben. Die Vorteile überwiegen. Man sollte aber nicht zu lange überlegen, denn immer mehr Unternehmen wagen den Schritt und größtenteils mit Erfolg und mit den gleichen Zielen. Das »2.0 Adoption Council«, eine Vereinigung großer Unternehmen, die diese Technologien bereits nutzen, hat die wichtigsten Ziele der Web-2.0-Nutzung unter seinen Mitgliedern eruiert: Kollegen über Teams und geografische Grenzen hinaus miteinander zu verbinden (92 %), Zugang zu Spezialisten zu schaffen (88 %), Produktivität zu steigern (81 %), Wissen zu sammeln und zu bewahren (78 %) und Innovationen zu fördern (78 %).
Gartner prognostiziert, dass im Jahr 2014 Social-Networking-Dienste E-Mail als das primäre Instrument für den Informationsaustausch von Person zu Person in 20 % der Unternehmen bereits ersetzt haben werden.
Also: nicht den Zug verpassen! Unternehmen, die sich heute mit dem Thema auseinandersetzen, werden frühzeitig die Wettbewerbsvorteile daraus nutzen können.



