Kai Eric Fitzner

Am Ende des Tages in Phrasistan

Kai Eric Fitzner am 26. April 2012

 

Für heute will ich mich einem Thema zuwenden, welches so ähnlich klingt wie "drei Phasen der Wahrnehmung" von neulich, nämlich "drei Phrasen gegen Veränderungen".
Es sind drei Phrasen, die uns irgendwann zwischen Aufnahme der ersten Gespräche und Projektende mit beinahe tödlicher Sicherheit entgegenschalmeien und die fast immer aus identischen Lagern kommen. Es ist an der Zeit, deren Nennung unter Strafe zu stellen und zwar durch Entrichtung eines Obolus im eigens dafür bereitgestellten Phrasenschwein. Beim nächsten Mal wird es um eine sinnvolle Verwendung der dadurch angehäuften Reichtümer gehen.

Phrase 1: "Wann soll ich das denn noch alles machen?"

Das ist der Lieblingssatz des Wissensarbeiters, dem das Management die aktive Teilnahme an irgend einem KM-System, vorzugsweise einem Wiki oder einer Knowledge Base verordnet hat. Häufig sind es gut vernetzte, joviale Typen, sehr gut eingebunden in die analogen sozialen Netzwerke wie Kaffeeküche, Flurfunk oder Raucherecke, die ihr Wissen und das Anderer im Gespräch gerne teilen und dies sicher auch digital tun würden, wenn dort die persönliche Note (vulgo: social) stimmig wäre. Wäre die Dokumentation der Arbeit Bestandteil der normalen Kommunikation, wäre dieser Typ Mitarbeiter einer der wertvollsten Kontributoren.
Abgewöhnungswert fürs Phrasenschwein: 10 € pro Nennung

Phrase 2: "Am Ende des Tages... sind wir doch alle zum Geld verdienen hier/wollen wir doch alle das Gleiche/muss es einfach sein/darf es nicht zu kompliziert sein/müssen wir an die Leser denken/mögen wir doch alle gerne Fast Food/machen die doch vieles richtig, sonst wären sie nicht so erfolgreich/{setzen Sie hier Ihren Favoriten ein}."

Am Ende des Tages wird es dunkel, ganz gleich, was am Tag passiert ist. Alle anderen Dinge, um die es "am Ende des Tages" vorgeblich immer geht, weisen in der Masse zu wenig Kongruenzen auf, um als goldenes Regelwerk Gültigkeit behaupten zu können. Diese Phrase ruft aber auch aus anderen Gründen allergische Reaktionen bei mir hervor. Es ist eine dieser dünkelhaften Phrasen aus dem Proseminar "Controlling und Wertschöpfungskette für Führungskräfte" an der Rocco-Columbo-Hochschule (ich hatte zum Zeitpunkt des Schreibens keine Ahnung, dass es die tatsächlich gibt) für Schreibmaschinenwartung o. ä., die Deutungshoheit postulieren, ohne sich mit einem Thema auseinandersetzen zu müssen. "Wir sind uns doch einig" wird da augenzwinkernd suggeriert, doch die Erfahrung lehrt, dass das selten stimmt. Komplexe Sachverhalte lassen sich nicht beliebig und verlustfrei eindampfen. Vielmehr ist es so, dass voreilige Schlussfolgerungen wie diese, den so wichtigen Meinungsfindungsprozess unterbinden. 
Abgewöhnungswert fürs Phrasenschwein: 20 € pro Nennung.

Phrase 3: "Sie vergessen aber die vielen Mitarbeiter, die gar nicht kreativ sein wollen. Die wollen doch, dass wir ihnen sagen, was sie zu tun haben."

Diese Phrase hören wir am häufigsten aus dem vom Top-Management despektierlich "Lehmschicht" genannten Mittelmanagement und sie ist in vielerlei Hinsicht die garstigste und am schwersten aus dem Weg zu räumende. Garstig, weil sich dahinter eine Kultur der Bevormundung verbirgt, die der Führungskraft überlegene Fachkenntnisse andichtet. In dieser Kultur werden Ideen und Vorschläge zerredet und benörgelt bis auch der letzte Funken Inspiration erloschen ist. Dass hier die überall ihr hässliches Gesicht zeigende Angst vor Kontrollverlust Vater des Gedanken ist, ist dabei noch nicht einmal das Schlimmste. Weitaus schlimmer ist nämlich, dass diese Phrase selbst dann kein Hinderungsgrund für Veränderung ist, wenn sie inhaltlich gehaltvoll wäre. Eine Kreativität zulassende und fördernde Arbeitsumgebung zwingt niemanden, kreativ zu sein, erlaubt es aber denen, die so besser arbeiten. Eine überregulierte, zwanghafte Umgebung lässt auch die Freunde von Arbeitsanweisungen nicht besser arbeiten - andererseits lässt sie aber die Kreativen ihre Ideen nicht auf die Straße bringen. Ungute Phrase, verheerende Wirkung.
Abgewöhnungswert fürs Phrasenschwein: 50 € pro Nennung

Welche Phrasen begegnen Ihnen im Arbeitsalltag als Waffen gegen Veränderung oder Innovation? Wir besprechen sie hier gerne und nehmen sie in unseren Preiskatalog auf.


PSWichtiger Hinweis für Kontextfreunde: Kürzlich berichtete ich an dieser Stelle über spezifische Hürden in unseren Köpfen, Veränderungen im Allgemeinen und den anstehenden Kulturwandel im Speziellen betreffend. Genau genommen ging es um die Hypothese, wir alle durchlebten drei Phasen der Wahrnehmung, während derer wir ganz unterschiedlich auf Veränderungen reagierten. Vertiefende Gespräche und Recherchen in den Feldern der Psychologie, Neurophysiologie und Soziologie liefern wertvolle Hinweise darauf, dass diese lapidar vorgetragene Hypothese wissenschaftliche Substanz haben könnte, so dass ich die Forschung vertiefen und weiter darüber berichten werde.