Tobias Mitter

“Da kann ja jeder kommen” - Wie Experten Wissen teilen

Tobias Mitter am 22. Juni 2010   Jetzt kommentieren




In einer idealen Unternehmenswelt hilft jeder Mitarbeiter dem anderen bedingungslos. Hierfür mit Enterprise 2.0 Möglichkeiten zu schaffen, zahlt sich für Unternehmen aus – Beispiele in “Wie haben Sie denn das heraus bekommen?” von Michael Clivot.

In vielen Unternehmen sieht die Realität anders aus: Mitarbeiter mit nachgefragten Kenntnissen – die Experten – teilen ihr Wissen selten mit Kollegen. Angesichts zunehmend verteilter Aufgaben und der Wertsteigerung der Ressource Wissen muss im Unternehmensalltag genau das erreicht werden.

Fast immer führt das direkte Ansprechen eines Experten zum Erfolg; daraus abzuleiten, Mitarbeiter sollten sich alle einzeln an Experten wenden, ist nur bereits in mittelständischen Unternehmen nicht mehr machbar.  Neben der direkten Hilfe von Mitarbeiter zu Mitarbeiter muss das Wissen von Experten breiter und zeitlich entkoppelt verfügbar sein.

Dies ist kein neues Ziel; ich glaube jedoch, dass der Social Workplace – der sozial vernetzte Arbeitsplatz – weiterhilft wo klassisches Wissensmanagement oft nicht erfolgreich gewesen ist.

Doch auch der Social Workplace steht vor den gleichen Herausforderungen wie bisherige Ansätze. Die Sozialforschung zeigt, dass Experten Ihr Wissen aus unterschiedlichen Gründen nicht teilen:

  • Angst vor Status-Verlust innerhalb des Unternehmens
  • Furcht vor Kritik
  • Befürchteter Mangel an Wertschätzung
  • Notwendige soziale Vernetzung
  • Zeitmangel
  • Nutzen für den Einzelnen nicht gegeben

Es sind also nicht fehlende technische Mittel und grundlegende Blockadehaltungen, die das Teilen von Wissen verhindern. Vielmehr sind es aus meiner Projekterfahrung zwei Punkte, die es zu anzugehen gilt:

1. Schaffen der Rahmenbedingungen für das Teilen von Wissen

Steht das Management hinter dem Ziel, Einzelwissen zu Unternehmenswissen zu machen? Gibt es Rückhalt aus der Führungsebene, wenn Mittelmanager Experten bevorzugen, die ihr Wissen horten und somit “wichtiger/unersetzbarer” erscheinen? Das dies wesentlich ist, zeigt, dass derzeit bei Beförderungen ebensolche ihren transparenteren Kollegen vorgezogen werden. Ohne ein belastbares Commitment zu dem Geschäftsziel “Expertenwissen teilen” geht es also nicht.

Damit allein ist es noch nicht getan: Experten müssen motiviert werden, sich zu beteiligen. Denn nicht immer kann man einen unmittelbar nachvollziehbaren Nutzen für den einzelnen Experten darstellen. Der Beitrag zum “allgemeinen Unternehmenserfolg” erntet zustimmendes Nicken bei der Vorstellung, wird jedoch mit der Rückkehr ins Büro schnell von Alltagsaufgaben verdrängt.

Die Motivation über Gehaltszulagen, Statussymbole oder ähnliches (extrinsische Motivation), schafft nachgewiesen ebenfalls keine dauernde Teilnahmebereitschaft – sie kann jedoch eine gute Starthilfe sein. Nachhaltig motiviert Experten, einen sichtbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg zu leisten und Anerkennung dafür zu erhalten (intrinsische Motivation). Dieses Ziel muss daher von Tag eins Bestandteil des Projektes sein.

Gerade hier bietet der Social Workplace viele Möglichkeiten. Die bekanntesten: Das Bewerten der Inhalte durch Kollegen weltweit, das Kommentieren in seinen unterschiedlichen Formen und die Abrufzahlen der Beiträge; die Sichtbarkeit und die Anerkennung sind dem Experten unmittelbar transparent und können so dauerhaft motivieren.

Die oben genannten Ängste sind jedoch weiterhin da: Die Bloßstellung vor Kollegen – etwa durch einen “banalen” Eintrag – und die Angst vor sozialer Vernetzung müssen vorher angegangen werden. Hier haben sich u. a. bewährt: Trainings für Mitarbeiter sowie Richtlinien zur Teilnahme am sozialen Austausch, die auch das “Miteinander” behandeln. Bei Mitarbeitern aus unterschiedlichen Kulturen ist dennoch eine interne Lernkurve einzuplanen.

Neben Rahmenbedingungen des Managements und der Motivation der Experten stellt Zeitmangel ein weiteres Hindernis dar. Dem kann durch eine konsequente Vereinfachung von Teilnahmemöglichkeiten begegnet werden. Mehr dazu in Teil 2.

Kommentare

fle
Ideale Unternehmen sind selten. Aber ich denke, ein Unternehmen muss auch bereit sein, Experten, die Ihr Wissen teilen wollen, zu hören.
Größere, streng hierarchisch organisierte Unternehmen können ein Umfeld erzeugen, in dem das Expertenwissen bewusst ignoriert wird (Arroganz der Macht). Diese stehen dem idealen Unternehmen diametral gegenüber.
Stimme 100% zu, dass das Management als erstes das neue Unternehmensziel “Expertenwissen teilen” setzen und leben muss.