Boris Brenner

Das Elektronische Buch 2.0

Boris Brenner am 24. Januar 2012

 

Ich kann mich noch recht gut an die Diskussion über das "Elektronische Buch", das E-Book, in meiner Studienzeit erinnern, damals, vor ungefähr 17 Jahren. Die Argumente waren damals nicht viel anders als heute. Die Befürworter lobpreisten die multimedialen Möglichkeiten, eine Volltextsuche statt eines Index mit Verweisen auf genau die Seiten, die man nicht sucht, den Überalldabei-Faktor oder das geringe Gewicht des elektronischen Begleiters im Vergleich zum gedruckten Buch. Die Zweifler bemängelten die fehlende Holz-Haptik, das fehlende Rascheln der Blätter beim Umblättern, die Abhängigkeit vom Strom und ähnliches.

Irgendwie hat das E-Book nie wirklich eine nennenswerte Verbreitung erlangt. Erst in jüngster Zeit, mit Amazons Kindle und Apples iPad mit iBooks scheint sich das Blatt ganz langsam zu wenden: Vom holzbasierten hin zum elektronischen.

Viel zu langsam, wie Apple offensichtlich entschieden hat. Als Manifestierung einer der letzten großen Ideen, die Steve Jobs mit der modernen Gesellschaft teilen konnte, stellte Apple am 19. Januar 2012 im Rahmen seines "Education Event" eine multimediale Weiterentwicklung der Vertreter des "klassischen", des wenig inspirierenden elektronischen Substituts gedruckter Bücher vor.

Revolutionär Neues wurde nicht präsentiert, kein neues iPad, keine neuen Multimedia-Formate, sondern vielmehr ein Typ E-Book, das endlich das einzulösen verspricht, was schon vor so vielen Jahren propagiert wurde: das Schaffen echter Mehrwerte der elektronischen Variante des gedruckten Buchs, angereichert um Video, Animation, integrierte Suche, Glossars, Markierungsfunktionen und Notizen, und sogar die Einbindung von Lernkarten und Kontrollfragen. Dabei hat sich Apple wie gewohnt marketingtechnisch sehr geschickt ein ebenso inhaltlich bedürftiges wie von vielen Menschen auch emotional betrachtetes Thema ausgewählt, den Bereich Bildung.
Was aber macht iBooks 2, so die lapidare Benamung des weiterentwickelten E-Book Readers für das iPad, so bemerkenswert, wenn es nicht seine Featureliste ist?

Die Antwort hierauf ist nicht im elektronischen Buch selbst zu finden, sondern in der Antwort auf die eigentliche Frage:  Warum gibt es bis heute nur so verschwindend wenige gute Beispiele für E-Books mit den vielbeschworenen Mehrwerten? Die Antwort auf diese Frage ist vielschichtig, aber ein Aspekt ist hierbei sicherlich von zentraler Bedeutung: Weil die Hürden zur Erstellung derselben bis dato viel zu hoch, sprich kosten- und Know-how-intensiv waren.

Das Ausspielen eines gedruckten Werks in eine zusätzliche elektronische Form ist extrem kostengünstig, und genau so sehen die E-Books heute auch aus: Ein 1:1 Abklatsch des Druckwerks. Digitale "Erlebnisbücher" hingegen müssen aufwendig programmiert werden, es muss Anwendungsentwicklung betrieben werden, um ein “richtiges” E-Book auf den Markt zu bringen.

Genau dieses Problem hat Apple adressiert, und im Rahmen der Vorstellung von iBooks 2 ein passendes Autorensystem “iBooks Author” für seine E-Books vorgestellt, das nicht nur kostenlos ist, sondern auch einfach zu bedienen, von Jedermann, ganz gleich ob Fachbuchautor, Lehrer oder Privatperson.

Auf einmal ist es ganz einfach, textuelle Informationen um Videos, interaktive 3D-Modelle oder eingebundene Präsentationsfolien zu bereichern, und mit zwei, drei Mausklicks entweder eine E-Book-Datei zu erzeugen, die jeder iPad-Nutzer sofort aufrufen kann, oder die eigene multimediale Publikation zum Verkauf im iBookstore anzubieten.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was meine Lobeshymne über Apples iBooks 2 im Blog eines Unternehmens zu suchen hat, das sich zur Aufgabe gemacht hat, Firmen bei der Weiterentwicklung zum modernen Unternehmen zu unterstützen.

Wird das Thema iBooks von Apple zurzeit zwar im Kontext der Schulen und Universitäten vermarktet, so birgt das Thema doch zumindest ebensoviel Potential im Unternehmensumfeld.

Allein der Bereich der multimedial erweiterten Dokumentationen, Wartungs- und Reparaturhandbücher für Maschinen und Werkzeuge, die neben den textuellen Erklärungen gleich noch das passende Video mit Reparaturanleitung bereitstellen, Sprengzeichnungen durch 3D-Modelle ersetzen, mit deren Hilfe der Monteur in die Maschine hineinschauen kann, bevor er sie zerlegt. Denken Sie an die Erstellung effektiverer Gefahrenhandbücher, die mithilfe multimedialer Elemente das notwendige Wissen wesentlich plastischer darstellen können, als das geschriebene Wort alleine. Oder an digitale Willkommenspakete für neue Mitarbeiter: Interaktive Ratgeber und Informationsquellen für die verschiedenen Phasen eines Onboardingprozesses, angereichert mit Hintergrundinformationen in Form integrierter Unternehmenspräsentationen, interaktiver Organigramme und Mitarbeiter-Galerien, Produktvideos, interaktiver Karten des Werksgeländes und einem Glossar der wichtigsten unternehmensinternen Begriffe.

Und das beste daran: jede Fachabteilung kann diese elektronischen Bücher bei Bedarf selbst erstellen, und jederzeit ändern oder ergänzen, ohne die IT-Abteilung zu bemühen oder Aufträge an Programmierer vergeben zu müssen.

Apple hat das E-Book nicht neu erfunden. Aber es besteht Grund zur Hoffnung, dass Apple mithilfe seiner jüngsten Produkte das E-Book hoffähig, oder besser unternehmensfähig macht, und so dazu beiträgt, dass die Generation Facebook und YouTube auch im beruflichen Alltag auf zeitgemäße Hilfsmittel zurückgreifen kann.

Links

Apple in Education Webseite

Keynote des Apple Education Event vom 19. Januar 2012

Apple iBook 2 App für iPad im iOS App Store

Apple iBooks Author für Mac OS X im Mac App Store