Kai Eric Fitzner

Das Social Media Missverständnis - Teil 2

Kai Eric Fitzner am 21. August 2012

 

Zweiter Teil unseres Previews: Angst und Chancen in der Immobilienbranche. Wer den ersten Teil verpasst hat, bitte hier entlang.

Die Authentizitätsfalle

Zunächst lässt sich feststellen, dass es den Immobilienmarkt auch ohne Immobilienmakler gäbe. Das ist eine weit weniger triviale Erkenntnis als es zunächst den Anschein hat. Immobilienmakler geraten nicht zuletzt dadurch in Verdacht, im Prozess des Vermietens und Verkaufens eine parasitäre Rolle einzunehmen. Das hängt sicher damit zusammen, dass man auf Wohnungssuche häufig nicht erkennen kann, was denn eigentlich des Maklers Mehrwert wäre, wenn man eine Wohnung beispielsweise über Immobilienscout24 sucht und dort bei einem den Suchparametern entsprechenden Treffer auf das lächelnde Konterfei eines Maklers trifft, der für das Einfüttern der Wohnungsdaten zwei Nettokaltmieten kassieren möchte. Schnell vermutet man, dass die steigenden Immobilienpreise damit zusammenhängen könnten, denn wer möchte nicht lieber zwei Mal mehr Miete kassieren, wenn das irgendwie geht? Und ganz besonders spitzfindige Schlauberger hinterfragen dann, warum man eigentlich als Mieter einen Makler bezahlen soll, der im Auftrag des Vermieters eine Wohnung unters Volk bringen möchte.Dieses bizarr anmutende Geschäftsmodell dürfte unter anderem dazu geführt haben, dass immer mehr Vermieter sich die Mühe sparen, eine eigene Anzeige zu schalten. Warum auch? Ein Blick durch die Vermieterbrille (Hervorhebungen meine):

Viele Vermieter und Verkäufer von Immobilien schalten heute einen Makler ein, um Mieter und Käufer zu finden. In den meisten Fällen entstehen Vermietern und Verkäufern keine Kosten, während Suchende Maklerprovisionen bezahlen. Besser gesagt: Oft sehr gern bezahlen. Menschen, die Wohnungen und Häuser finden wollen, stehen in den allermeisten Fällen mitten im Berufsleben, und es ist deutlich einfacher, die eigenen Vorstellungen einem Makler mitzuteilen, der dann nur noch die in Frage kommenden Angebote an den Interessenten weiterleitet.

Hier gelangen wir zum eigentlichen Problem: Wenn ich eine Wohnung suche, unter Umständen sogar an einem fremden Ort, und beauftrage einen Makler eine für mich zu finden, dann bezahle ich ihn gerne dafür. Das habe ich schon gemacht und kann das nur empfehlen. Wenn ich aber selber im Internet nach Wohnungen suche und dort auf Anzeigen von Maklern stoße, muss ich mich schon sehr empathisch auf das Maklerdasein einstimmen, um zu dem Schluss zu gelangen, dass es in Ordnung ist, dass ich dafür bezahle. Denn schließlich nimmt der Makler dort dem Vermieter die Arbeit ab und nicht dem Mieter. Oder fänden Sie es okay, wenn Sie nach einer Taxifahrt zusätzlich zum Taxifahrer auch noch den Vermittler in der Rufzentrale bezahlen müssten?

Diese fremdelnde Grundhaltung übertragen in die wundersame Welt von Social Media, die ja noch immer von vielen Leuten inklusive einiger Marketing Gurus als günstiges Image Outlet verstanden wird, wo man für schmales Geld fantastische Reichweite bekommt, soll uns helfen zu verstehen, was leichtfertiger Social Media Umgang für katastrophale Folgen haben kann. Erstens ist das Bereitstellen von Anzeigen, die dann auf einem Immobilienportal geschaltet werden, kein Job, der herausragende Fachkenntnisse in irgendwas erfordert. Und zweitens dürfte der Unmut der Klientel, insbesondere der Mieter in spe, über steigende Preise und Verknappung des Angebots an attraktiven Immobilien noch zunehmen, was gepaart mit dem Unverständnis über so manches Maklers Leistungsvergütung schnell eine kritische Masse erreichen kann. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass irgendjemand freiwillig in einem solchen Fäkalgewitter stehen möchte.

Die Chance für die Immobilienbranche

Die Chancen, die Social Media in der Immobilienbranche bietet, sind vielseitig. Zunächst werden die "Makler", die mit ihrer an Arbeitsverweigerung erinnernden Art den ganzen Berufsstand in Verruf bringen, das Feld räumen. Wenn Vermieter es schon nicht einsehen, einen 4-stelligen Betrag für das online stellen einer Anzeige zu bezahlen, werden sich Mieter das auf Dauer erst recht nicht gefallen lassen. Da aber eine erstaunlich hohe Anzahl an Maklern kaum noch etwas anderes tut, dürfte das Erregungspotential der Mieter bald erreicht sein. Dies könnte zur Folge haben, dass mit rudimentären Webdesign- oder Programmierkenntnisse ausgestattete Leute maklerfreie Immobilienbörsen oder Apps bereitstellen, die sehr schnell belegen können, dass die derzeitigen Vermittlungsgebühren viel zu hoch und von der falschen Partei zu entrichten sind. Der bereits oben erwähnte Immobilienscout24, oder aber auch Immonet und andere Portale lassen dies nicht zu, weil es sich bei ihnen um anonyme Kontaktbörsen handelt, in denen keine marktdefinierenden Gespräche stattfinden. Eine wirklich um Profile und Identitäten à la Social Media erweiterte Börse würde damit aufräumen. Die Gespräche, die diesen Markt definieren, werden transparent und authentisch die Attitüde mancher Makler schonungslos offenlegen und zeigen, dass Transparenz und Authentizität nur dann gut sind, wenn dahinter gute Absichten stehen.

Bereits letztes Jahr schrieb Tobias Geipel, Referent für Social Media in der Immobilienbranche: "Soziale Netzwerke waren noch nie gute Plätze für direkte und platte Werbung für Unternehmen. [...] Social Media muss verstanden und gelebt werden. Wer sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden kann, sollte sich aus den Netzwerken fernhalten."

Dieser Rat greift zu kurz. Wer sich aus den Netzwerken fernhält, kann sich an der Gestaltung seines Marktes nur unzureichend beteiligen und gefährdet damit seine Existenzgrundlage. Das lässt einen bereinigten Markt für die Makler zurück, die ihren Beruf ernst nehmen und sich ernsthaft darum bemühen, die richtigen Menschen mit den richtigen Immobilien zusammenzubringen. Alle anderen können sich warm anziehen.