Kai Eric Fitzner

Enterprise 2.0 im Wandel

Kai Eric Fitzner am 29. April 2011

 

Warum Unternehmen jetzt handeln müssen

Die Geschäftswelt ist im Wandel. Erstmals in der Geschichte findet Kommunikation zwischen Gruppen von Menschen direkt statt, ohne dedizierte Mittler oder Unterhändler. Diese Gruppen verändern sich dynamisch in ihrer Zusammensetzung, starten Revolutionen, helfen Erdbebenopfern oder torpedieren die PR-Kampagnen internationaler Konzerne. So entsteht eine in der Qualität völlig neue Form von Kommunikation.

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Zwischen demographischem Wandel und gestrigen Bildungskonzepten sind Unternehmen auf die Probleme von morgen nur unzureichend vorbereitet. In der kommende Dekade werden Millionen von Menschen auf den Arbeitsmarkt strömen, für die ein Leben ohne Vernetzung nie stattgefunden hat und somit unvorstellbar scheint. Die intelligente Vernetzung der Mitarbeiter durch den Social Workplace, die digitale Arbeitsumgebung der Zukunft, wird dann eine, wenn nicht die, essentielle Überlebensstrategie für Unternehmen auf dem globalen Markt sein.


Die Qualifikationen, die vom Mitarbeiter von morgen erwartet werden, lassen sich bestenfalls erahnen. Teamfähigkeit, Kreativität und soziale Intelligenz gehören sicher dazu, werden aber nicht ausgebildet, weil es entweder nicht geht, oder noch ungewiss ist, wie es gehen könnte. Wie können sich Unternehmen also die klügsten Köpfe sichern und was müssen sie ihnen für ein Arbeitsumfeld bieten, damit diese auch bleiben? Was für Erwartungen hat der vernetzte Wissensarbeiter an seinen Arbeitgeber und wie lässt er sich motivieren? Muss die Vernetzung den Geschäftsprozessen von heute folgen oder diktiert die Vernetzung die Geschäftsprozesse von morgen?

Dabei geht es natürlich auch um Wissensmanagement in all seinen Ausprägungen. Zum Einen können es sich Unternehmen nicht leisten, dass Wissen mit den Mitarbeitern ausscheidet, wobei in allen Szenarien, von der Pensionierung mal abgesehen, der Wissenstransfer zum Mitbewerb erfolgsversprechender ist als die Konservierung innerhalb des Unternehmens. Aus diesem Grund gilt es, dem Brain-Drain einen Riegel vorzuschieben, indem im Idealfall das Gehirn, andernfalls nur das Wissen zurückbehalten wird. Zum Anderen ist die Konservierung von Wissen nur dann erfolgreich, wenn sie intelligent in Kontexte eingebettet wird. Dies bedeutet, dass das klassische Repository als Wissensspeicher intelligent taxonomisch ansprechbar sein muss, bestenfalls aber das Wissen in einem lebendigen Netzwerk am Leben gehalten wird und zirkuliert. Und genau hier liegt der Schlüssel zur unternehmerischen Zukunft.
Längst ist die Frage der Vernetzung aber keine exklusive Frage an die IT mehr. Technologien vom Microblog bis hin zu hochkomplexen Metadatenmodellen, die zumindest semi-intelligente Taxonomien befeuern, stehen als Lösungen auch im Geschäftsumfeld bereit. Wie aber diese soziale Arbeitsplatz gestaltet werden muss, um den Anforderungen an die Geschäftswelt gerecht zu werden, erfährt zunehmend gesteigertes Interesse von Human Resources. Hier muss die Diskussion geführt werden, wie die Innovationskraft eines Unternehmens erhalten bzw. kultiviert werden kann. Und das bedeutet, dass sich auch HR Gedanken machen muss, wer für was gebraucht wird, um den sozialen Arbeitsplatz mit Leben füllen zu können. So geht alsoEnterprise 2.0 in die nächste Phase, nämlich dadurch, dass der Blick den Mitarbeiter mehr als die Technologie in den Fokus rückt.

Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, warum die soziale Vernetzung der Mitarbeiter nicht über die Einführung einer Technologie verordnet werden kann, sondern der Entwurf einer Strategie der erste Schritt sein muss. Erst wenn die Willensbildung hinsichtlich der Richtung erfolgt ist, können Konzeptphase und dann die Umsetzung folgen. Im Rahmen dieser Willensbildung ist es von essentieller Bedeutung, potentielle Management Sponsoren aus möglichst vielen Bereichen des Unternehmens zu gewinnen, da sowohl Mitarbeitermotivation als auch Change Management abteilungsübergreifend organisiert werden müssen. Erst dann hat der soziale, digital vernetzte Arbeitsplatz die Chance nicht mehr als nur ein weiteres IT-Projekt wahrgenommen zu werden.

So geht es um den nächsten Schritt und der nächste Schritt ist demnach nicht mehr – und auch nicht weniger – als die richtigen Rollenmuster zu durchschauen und die Arbeitsumgebung so zu gestalten, dass sie Kreativität unterstützen kann. Hier ist der Mut zum Umbruch gefragt, denn wie die Studien komplexer Systeme (vgl. Ashby’s Law) belegen, muss der Komplexitätsgrad eines Lösungssystems mindestens so hoch sein wie der des Problemsystems. Komplexität wiederum, zumal sie intelligenten Systemen den Weg bereiten soll, ist auf Widersprüche und Reibungen angewiesen, die sich in der Belegschaft des Unternehmens von morgen finden lassen müssen.

Was wir also für das Unternehmen, welches auf dem Markt von morgen erfolgreich tätig sein will, finden müssen, ist die Symbiose zwischen den Schnittstellen Mensch und Maschine. Auf die Organisation übertragen heißt dies, den Mitarbeitern die Umgebung zu schaffen, die Kreativität möglich macht, damit ein intelligentes System entstehen kann, um auch unbekannten Problemen entgegentreten zu können. Dabei sind wir darauf angewiesen, aus den bereits implementierten Systemen extrapolieren zu können, um der angestrebten Rollenverteilung gerecht zu werden und aus den Implementierungen von heute zu lernen.

Die Zeit des Zögerns ist vorbei, denn der Wandel hat bereits begonnen. Wer jetzt noch auf die Erfolgsgeschichten des Mitbewerbs wartet, verliert wertvolle Zeit. Wir erleben tagtäglich bei unseren Kunden, wie die anfängliche Verunsicherung schwindet und neue Innovationskraft Einzug hält.

Kommentare

Alexander Stocker
Sehr guter Beitrag!

Wenn man sich die Zukunftsprognosen von Analysen wie zB Gartner und Forrester ansieht, dann hört man Trends wie Deroutinisierung von Arbeit, Agile Schwärme statt stabiler Teams, Hyperconnectedness, Personen außerhalb der Kontrolle durch Unternehmen in der Wertschöpfung, ad-hoc Arbeit, alles in Echtzeit, Navigation in einem komplexen System von Geschäftsbeziehungen, etc…

Wirft man einen Blick auf die Arbeitspraktiken heutiger Organisationen, so frage ich mich immer, wie diese die Herausforderungen in der Zukunft meistern können. Ich kenne große Unternehmen, in denen die Mitarbeiter nicht einmal elektronische Terminkalender verpflichtend führen – von Social Media am Arbeitsplatz kann dort noch gar keine Rede sein.

So lange es eben noch geht, wird sich in den Unternehmen wenig tun. Obwohl durch die demografischen Veränderungen der Wunsch nach mehr Technologie und nach flotten Anwendungen bottom-up in die Unternehmen kommen wird, so sehe ich derzeit unendlichen Bedarf, die CIOs, CEOs und CxOs dieser Erde zu sensibilisieren.

In Österreich ist die Lage traurig. Das Thema Social Media (besonders im Intranet) spielt zumindest auf den großen Management-Kongressen aus Sicht der Manager kaum eine Rolle. Es wird zum Teil sogar aus den Agenden heraus-gevoted. Wie soll man denn jemanden für etwas sensibilisieren, das er nicht kennt? Da hilft wohl auch der demographische Wandel (noch) wenig.

Viele Grüße aus Graz
Alexander Stocker


 

Kai Fitzner
Vielen Dank für die Rückmeldung.

Es scheint in der Tat so, dass in vielen Unternehmen gerne gesagt wird, man wolle sich für die Zukunft aufstellen und es dabei belässt. Bisweilen gewinnt man den Eindruck, der eine oder andere Manager gibt sich mit den Botschaften des eigenen Marketing zufrieden und glaubt ganz fest daran, dass man weiterhin Erfolg haben wird. Bestehende, nach teils unfassbar langen Projekt konstruierte Prozessketten, die uns das Gefühl von Sicherheit geben, weil wir jetzt In- und Output messen können, geben so manchem Manager das Gefühl, alles unter Kontrolle (http://bit.ly/lPWsca) zu haben. Und vielleicht ist es dieses Gefühl, dass ihn zuversichtlich in Zukunft schauen lässt.

Ich sehe das als große Chance, die Sensibilisierung voranzutreiben. Allerdings, da gebe ich Ihnen Recht, ist es noch ein schönes Stück Arbeit, das wir da vor uns haben. Aber die Argumente sind auf unserer Seite.

Herzliche Grüße
-Kai Fitzner


Hois Christian
great post. Congratulation. E20 := 10% technology + 90% change management (culture, work behaviour , other commuication channels desipte email+telefon+meetings :( ( hard work to break up old pattern very very hard .greetings from @hoisc from Austria


 

Alexander Weihs
Sehr gelungener Beitrag. Enterprise 2.0 als technisches Projekt oder gar als Tool zu betrachten ist ein sehr weit verbreiteter Irrtum. Auf den oft ins Feld geführten “demografischen Wandel” würde ich allerdings nicht hoffen. Ich glaube nicht, das das Lebensalter von Menschen entscheident ist, sondern die Bereitschaft etablierte Verhaltensmuster zu hinterfragen. Auch ein 30 Jähriger kann geistig “festgefahren” sein.


Kai Fitzner
Vielen Dank für das Feedback.

 

Als ich den demographischen Wandel anführte, wollte ich das keineswegs aus einer Hoffnung heraus tun. Mir geht es vielmehr um den Umstand, dass die jetzt allmählich ins Berufsleben wachsende Generation Ansprüche an eine Vernetzung mit sich bringt, die vielen Unternehmen futuristisch und fremd vorkommen, weil sie mit ihrer Realität nichts zu tun haben. Die Digital Natives sind nicht die besseren oder flexibleren Menschen – auch unter ihnen gibt es vermutlich eine Menge Betonköpfe – aber die vernetzteren sind sie allemal.

Ich werde mich bemühen, mein Sicht hierauf sehr bald in einem Blogbeitrag darzulegen.

Herzliche Grüße
-Kai Fitzner


Alexander Stocker
…und womöglich ist man als 30jähriger eher ein Querdenker im Vergleich zu den in großen Unternehmen etablierten älteren Managern ;-)


ML Höfer
Hallo. Bezüglich Hoffnungsträger “demographischer Faktor” bin ich auch aus der entgegengesetzten Perspektive recht desillusioniert. Erst letzte Woche hatte ich die Gelegenheit drei neue Developer zu schulen, also ITler. 22, 23 und … 27 Jahre. Alle klug, neugierig. Keiner von denen hatte je mit einem Wiki gearbeitet, keiner hatte je Twitter ausprobiert, einer hatte sich erst am Tag davor bei Facebook angemeldet, die anderen waren ziemlich skeptisch.

 

Solche Erfahrungen mache ich immer wieder. Wenn Social-Media-Affinität, dann finde ich sie bei den im Alter um 30+, aber nicht bei den ganz jungen. Die sind nicht automatisch affin, und kommen auch nicht automatisch mit Social Media in Berührung.


Kai Fitzner
Vielen Dank für den berechtigten Einwand. Natürlich wird eine Social Media-Affinität nicht mit der Muttermilch aufgesogen und natürlich berührt das Verhalten einer Mehrheit niemals alle. So beobachte ich zum Beispiel, dass in der Peer-Group meines Sohnes (16) die Kommunikation und das Verabreden primär über ICQ stattfindet, während Facebook meistens zur Mitteilung eines Gedanken verwendet wird. Hier liegt glaube ich der Schlüssel. In ihrem Selbstverständnis sind die jungen Menschen deutlich vernetzter als alle Generationen zuvor – die Tools spielen dabei eine untergeordnete Rolle.

 

So erleben wir es auch in Unternehmen. Erst wenn die Bereitschaft zu einer vernetzteren Form der Kommunikation entsteht, lassen sich die entsprechenden Werkzeuge auswählen.

Aber Automatismen in der Affinität sollten wir nicht erwarten, da gebe ich Ihnen Recht.

Herzliche Grüße
-Kai Fitzner