Daniel Kraft

Evolution der Arbeit

Daniel Kraft am 28. Februar 2012

 

Industriearbeiter walzen neben Hochöfen den Stahl. Die Arbeit ist schweißtreibend. Ein Versicherungskaufmann sitzt in einem klimatisierten Büro, konzentriert starrt er in seinen PC. So verschieden die Aufgaben – so verschieden die Arbeit. Vereinfacht kann man von drei Phasen der Arbeit sprechen, die sich nacheinander entwickelt haben, heute jedoch alle parallel in unserem täglichen Leben existieren. Von der Evolution der Arbeit können wir lernen, welche neuen Herausforderungen auf uns warten.

Phase I: Individuelle körperliche Arbeit

Zur ersten Phase, geprägt durch individuelle körperliche Arbeit, beispielsweise in alten Tagen ein Bauer mit einfachen Werkzeugen, gehört auch die standardisierte industrielle Arbeit, zum Beispiel in der Fertigung im Fahrzeug-  und Maschinenbau. Diesen Arbeiten liegt primär körperliche Bewegung zugrunde, um ein Arbeitsergebnis zu erreichen. Je industrialisierter eine Gesellschaft, desto geringer der Anteil körperlicher Arbeit.

Phase II: Individuelle geistige Arbeit

Typische kaufmännische Aufgaben, wie sie Sachbearbeiter oder Berater verrichten, sind individuelle geistige Arbeiten. Die Körperlichkeit beschränkt sich darauf, anwesend zu sein, eine Tastatur oder andere Geräte zu bedienen. Diesen Arbeiten liegt eine Denkleistung zugrunde, keine körperliche Herausforderung. Ein Zahnarzt benötigt zwar handwerkliches Geschick, seine Arbeitsleistung besteht jedoch darin, einen Zahn zu versorgen, nicht in der Kraft den Bohrer zu halten.

Industrienationen wie Deutschland oder Italien haben nach der industriellen Revolution einen erneuten Wandel durch Automatisierung erfahren. England, einst das Mutterland der Industrialisierung, hat sich hingegen direkt in eine Dienstleistungsgesellschaft gewandelt. Aufstrebende Nationen wie China zeigen uns heute, wie die Evolutionsphasen der Arbeit parallel verlaufen können. Das Land ist gleichzeitig globaler Fertigungsstandort als auch  Innovationszentrum.

Phase III: Sozialvernetzte Arbeit

Bei der sozialvernetzten Arbeit treten körperliche, jedoch mehrheitlich geistige Anforderungen auf. Oft wird hier der Begriff Wissensgesellschaft genutzt, eine Beschreibung, die jedoch zu kurz greift. Die Herausforderung liegt in der Besonderheit der Vernetzung. Traditionell sind dies Führungspersonen, die Expertise im zugrunde liegenden Geschäft mitbringen müssen, deren Leistung allerdings darin besteht, das Zusammenspiel verschiedener Ressourcen zu gewährleisten. Durch die digitale Vernetzung der Arbeitswelt werden alle Menschen vernetzt.
Dies – ein grundsätzlich wünschenswerter Zustand – stellt den Einzelnen jedoch vor große, auch emotionale Herausforderungen. Beziehungen, Gefühle und Befindlichkeiten gewinnen in der Arbeitswelt an Bedeutung. Es genügt nicht mehr, der „Beste” zu sein. Heute müssen wir Leistung im Netzwerk erbringen, was oft als soziale Kompetenz beschrieben wird. Wenn viele Menschen zusammenarbeiten, wird jedoch deutlich, wie gering diese Kompetenz häufig ausgeprägt ist. Und dass es keine systematische Betrachtung im wirtschaftlichen Kontext gibt.

Das Dorf – Change back to the Future

Jede Phase erfordert es, in den beruflichen Kontext integriert zu werden. Während der Industrialisierung verbesserten sich die Arbeitsbedingungen, um körperliche Leistungen dauerhaft zu erhalten. Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft optimieren wir nun die Arbeitsbedingungen an der Schnittstelle zwischen Körper und Geist: Beispielsweise steigern bessere Bildschirme die Konzentrationsfähigkeit. Aber wie bewältigen wir die Herausforderungen einer vernetzen Gesellschaft?

Die sozialvernetzte Arbeit erfordert eine ursprünglich alltägliche Kompetenz: das Miteinander.
Wie dies funktionieren kann, erkennen wir am Beispiel eines abgelegenen Dorfs, in dem Bewohner auf sich angewiesen sind und keine externen Dienste in Anspruch nehmen können. Entsprechend entwickelt sich ein komplexes soziales Gefüge. Je stabiler dieses Gefüge ist, desto besser geht es dem Einzelnen.

Demnach müsste sich unsere Arbeitswelt zu einem Dorf wandeln, in welchem jeder mit jedem verbunden ist und das gesamte System betrachtet wird. Vernetzung und Echtzeitverbindungen machen dies längst möglich. Der menschliche Faktor wurde bisher allerdings unzureichend adressiert. Dieser „Change“ ist eine enorme Herausforderung für die Gesellschaft und für jeden Einzelnen. Muss ich daran teilhaben oder kann ich mich entziehen? Ist unser Bildungssystem geeignet, Kindern diese Vernetzungskompetenz näher zu bringen?

Persönlich bin ich der Meinung, dass wir Antworten auf diese Fragen finden und die Herausforderungen meistern werden. Die Vorteile überwiegen. Sicherlich haben wir einen steinigen Weg vor uns. Historisch betrachtet haben wir diesen Weg bereits mehrfach beschritten. Aus Bauern wurden Arbeiter. Aus Fließbandarbeitern wurden Produktionsteams. Und aus Wissensarbeitern werden Kompetenznetzwerke entstehen! Diesen Veränderungsprozess erfolgreich zu adressieren, entwickelt sich zu einer überlebenswichtigen strategischen Aufgabe.