Bianca Gade

Googles Social Workplace Strategie

Bianca Gade am 06. Juli 2011

 

Eins muss man Google lassen: Sie überraschen immer wieder mit grandiosen Würfen. Selbst, wenn diese nicht immer zum Erfolg führen, tun sie doch eins sicher: Bestehende Methoden von Kommunikation und Arbeitsprozessen zu hinterfragen. Dabei war es ihnen, trotz aller Innovationen bisher nicht gelungen, wirklich einen Fuß in Social Networks zu setzen: Sowohl Google Wave als auch Google Buzz konnten nur eine eher geringe Nutzeranzahl begeistern, ganz zu schweigen von Orkut, das fast nur in Brasilien angenommen wurde. Aber jetzt soll alles anders werden und Google+ verspricht der Clou, nach der Google Suchmaschine, zu werden.

Seit Donnerstag werden auf Blogs, Facebook und Twitter Einladungen verteilt und schon jetzt sollen es auf Google+ bereits eine viertel Million, meist begeisterte Nutzer, geben – Tendenz stark steigend. Aber es gibt nicht nur positive Meinungen: Gelegentlich liest man auch, dass G+ keinen Mehrwert gegenüber Facebook bietet. Ein meiner Ansicht nach stark hinkender Vergleich, da G+ aus Unternehmenssicht weitaus mehr als reines Marketing ist – und genau das macht es auch so interessant. Denn neben dem Social Network, das Facebook durchaus sehr ähnlich ist, kann G+ schon jetzt sehr viel mehr und es drängen sich die Fragen auf: Wird es Google gelingen, die einzelnen Teile zu einem größeren Ganzen zusammenzufügen? Eine Umgebung zu gestalten, die jenseits vom Netzwerken überzeugende Möglichkeiten zur Zusammenarbeit bietet und so auch den Nerv von bisher kritischen Beobachtern aus dem Unternehmensumfeld trifft? Baut Google eine Plattform, die es schafft, Unternehmen über die Bedeutung des Social Workplace aufzuklären?

Strategie in drei Schritten
Die Strategie bei Google, erinnert mich stark an unser 3-Schritte-Modell in der Enterprise 2.0 Beratung:

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Der Reihe nach bedeuten die Schritte:

1. Der Nutzer baut sich durch seine Kreise eigene kleine Teams auf. Durch diese hat er einfacheren Zugang zu Informationen und kann eigenes Wissen teilen.

2. Durch die Möglichkeit der Teammitglieder, Informationen an ihre eigenen Kreise weiter zu leiten, werden Experten automatisch weiter empfohlen, ohne sie explizit ausfindig machen zu müssen. Neue Kontakte können einfach geknüpft und Dialoge gefördert werden.

3. Was kommt: Googles Internetservices werden an die Collaborationsdienste angebunden. Dieses wird durch offene Schnittstellen gefördert, die jeder Entwickler programmieren kann. So können externe Informationen leichter in bestehende Netzwerke eingebunden und genutzt werden. Durch Google+ “Seiten”, soll auch der Marketing-Bereich nicht zu kurz kommen. Auch wird schon daran gearbeitet, die Realtime Suche mit Google+ Ergebnissen zu koppeln.

Wenn vor der Einführung von G+ gerne mal gesagt wurde, Enterprise 2.0 ist wie Facebook im Unternehmen, wird sich diese Ansicht vermutlich bald ändern. Denn es ist offensichtlich, dass Google sehr viel breiter aufgestellt ist als es Facebook bisher war. Und Google+ ist einfach nur ein Dienst unter vielen aber auch der logische, strategische Schritt, der alles zusammenhalten wird.

In diesem Fall wesentlich interessanter ist jedoch nicht G+ ansich, sondern die Gedanken, die Google sich dazu gemacht hat. Jeff Jarvis schrieb in seinem Buch “Was würde Google tun”: “Wenn man uns die Kontrolle überlässt, werden wir sie nutzen. Wenn nicht, wird man uns verlieren.” Und lobt damit die Goolge-Strategie, den Nutzer in den Fokus zu rücken und ihm die vollständige Kontrolle über sein Tun zu überlassen. Lernen können wir daraus, indem wir das selbe auch im eigenen Unternehmen umsetzen: Die Konzentration auf den einzelnen Mitarbeiter und das bewusste Abgeben von Kontrolle an den selbigen. Denn nur, wer das verstanden hat, wird einen unternehmensinternen Kulturraum schaffen können, der durch mehr Dialog offener für Innovationen ist und die notwendigen Prozesse unterstützt, um die gesteckten Business Ziele zu erreichen.

Ob diese Strategie auch nach der Beta-Phase bestand hat, wird sich zeigen. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass das Gesamtpaket erfolgreich sein wird. Wie ist es bei Ihnen?

 

Kommentare

Manuel Schnitger
Ich bin mal sehr gespannt, ob sich G+ durchsetzen wird. Einerseits hat sich rund um Facebook schon viel entwickelt und viele Leute dort erklären, wie man mit FB-Marketing Geld verdienen kann, andererseits bietet Google viele Dienste (Suche, Navigation, Maps, Docs & Tabellen, etc.) an und könnte durch das Anbieten einer Social Community einfach “den Sack zumachen”. Wie gesagt:”Ich bin gespannt”.


Thomas Löwe
Erstmal Gratulation zu diesem sehr lesenswerten Artikel.

Ich bin ebenso wie Manuel sehr gespannt. Man darf nicht vergessen, dass sich im Augenblick vermutlich in erster Linie Menschen auf Google+ bewegen, die mit Begeisterung neue interessante Angebote um ihrer selbst Willen ausprobieren. Da zähle ich mich ausdrücklich zu. Was Neues? Und dann noch von einem bedeutenden Konzern? Ausprobieren wollen!

Mich persönlich hat Google+ bislang wirklich überzeugt. Und zwar aus genau dem Kerngrund, den Sie hier nennen: es überlässt mir die Kontrolle und versucht jederzeit transparent zu machen, was gerade passiert. Dadurch habe ich ein gutes Gefühl bei der Sache und muss nicht ständig auf einschlägigen Newsseiten Ausschau nach dem nächsten Eingriff in meine Nutzungskontrolle Ausschau halten, die Facebook mir mal wieder untergejubelt hat. Da das Ganze sich auch noch bequem bedienen lässt, mit anderen Google-Diensten scheinbar stark integriert wird und ich gezielt mit unterschiedlichem Kreisen unterschiedliche Dinge kommunizieren kann, wird Google für mich eventuell das, wo Facebook gerne wäre aber niemals werden wird: zu meinem zentralen Ort im Internet, auf dem ich die meiste Zeit verbringe.

Das Problem an der Sache ist, dass Facebook einen enormen Vorsprung hat. Bietet G+ genug, damit ein bedeutender Anteil an Benutzern wechselt? Denn siehe Myspace: auf Dauer benutzen die Wenigsten zwei Dienste. Vielleicht ist dem Großteil das, was Facebook bietet, ja genug, und schert sich wenig um Kontrollmöglichkeiten. Daher heißt es in der Tat: abwarten.