Kai Eric Fitzner

Kreisverkehr – ist Google+ das bessere Facebook für Unternehmen?

Kai Eric Fitzner am 22. Juli 2011

 

Es soll ja noch Menschen geben, denen Begriffe wie Social Media,Social Workplace oderSocial Network nichts sagen. Vermutlich sind das die gleichen, denen anlässlich der drohenden Premiere von Windows 95 im Streiflicht der Süddeutschen Zeitung unterstellt wurde, sie hielten Atari für einen japanischen Filmregisseur (es ist Google nicht gelungen, diesen Kommentar in den Tiefen des WWW aufzuspüren – war eine schwierige Zeit für Onlinejournalisten damals). Einer nicht repräsentativen Umfrage auf einem Grillfest vor etwa 4 Wochen zufolge, kennen mehr Menschen in meinem Bekanntenkreis Facebook als den Begriff Social Media. Und häufig sind dies genau die Menschen, die mit einer Mischung aus Neugier und Argwohn fragen, was man denn beruflich so mache, um dann, nach fünf verzweifelten Minuten voller Erklärungsversuche, was ich als Berater für Enterprise 2.0 und Social Workplace denn eigentlich mache und dass es nichts, haha, mit Star Trek zu tun hat, die Zusammenfassung “Ach, ihr macht Facebook für Unternehmen” zu präsentieren. Manchmal gelingt es mir dann noch, ein “nicht so ganz” in den Garten zu werfen. Zur Erklärung, dass eine meiner wichtigsten Aufgaben die Trennung von Hype und Substanz ist, um daraus die Relevanz für Unternehmen zu destillieren, reicht es meistens nicht mehr. Vermutlich, weil der Begriff “destillieren” auf Grillfesten die Leute assoziativ so richtig in Fahrt bringt. Zum Glück wird das jetzt alles anders.

Am 28. Juni hat Google sich ein Plus verpasst und seitdem liegen sich Blogger, Netizens, Tweeties, Webizens, Barcamper, digital Natives und Bohèmians aus aller Welt vor Freude weinend in den Armen. Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Blogpost zu den Vorzügen von Google+ gegenüber Facebook erscheint. Prognosen werden abgegeben, inwiefern Google+ in Unternehmen den Erfolg haben wird, den sich alle immer von Facebook versprochen haben. Wunderbar metaphysische Analysen, warumGoogle+ eher Twitter Konkurrenz machen wird oder inwieweit Google+ den Media-Pol besetzt, während der Social-Pol fest in Facebooks Hand bleibt, machen die Runde.Letzteres ist ein interessanter Gedanke, der aber einer weiteren Überprüfung nicht standhält – Social und Media bilden als Begriff ebenso wenig Pole aus wie grüner und Apfel. Vielleicht sollten wir aufhören, social ständig großzuschreiben.

Es besteht kein Zweifel: die early Adopter empfangen Google+ mit offenen Armen und manch einer spielt mit Auswanderungsgedanken aus Facebook-Land, weil… ja, warum eigentlich? Was unterscheidet Google+ von Facebook? Was macht es in den Augen der Experten so überlegen? Und inwiefern soll es Unternehmen besser helfen können?

Zunächst einmal fühlt sich Google+ an wie eine Kreuzung aus Facebook und Twitter, weil es Diskussionsstreams mit dem Gefolgschafts-Gen kreuzt. Während man es bei Twitter aber mit leicht verdaubaren Kurzinformationen zu tun hat und einen die Retweets von besonders populären Mitteilungen nicht zwingend alle erreichen, scheint es unter Google+-Followern nicht unüblich zu sein, mehr oder weniger interessante Postings insbesondere prominenter Co-Netizens in einer solchen Frequenz zu kommentieren, wie man es bei Facebook nur auf Fanseiten von Harry Potter (ca. 30 Mio Fans allein der Deathly-Hallows-Movie-Fanseite) kennt, wo Tausende von Menschen scheinbar nur darauf warten, dass man ihnen Informationskrumen vor die Füße wirft, damit sie diese mit Einzeilern kommentieren und sich hernach darüber in die Haare kriegen können, wessen Einzeiler der einzig Wahre ist. Bei Google+ geht das jetzt auch mit echten Menschen. Möglich machen dies die Circles.

Mithilfe von Circles kann ich sowohl die Reichweite meiner eigenen Postings als auch den Interaktionsgrad mit anderen Google+-Nutzern konfigurieren. Klingt nach Gruppen, Fanseiten und Listen? Nun ja, irgendwie ist es auch das Gleiche, mit zwei bedeutsamen Unterschieden: erstens brauchen wir keine Hilfsmittel wie Fanseiten mehr, um den Gedanken einer Person einfach nur zu folgen und, zweitens, Andy Hertzfeld.

Hertzfeld, der bis 1984 den Titel Software Wizard auf seiner Visitenkarte führte und für die Programmierung der Macintosh-Toolbox verantwortlich zeichnete, wurde von den Medien irrtümlich als Designer von Google+ genannt, weshalb schon Leute das überlegene, übersichtliche Design auf ihn zurückführten (“Kein Wunder, hat ja dieser Apple-Typ designt” – der “Apple-Typ” hat Apple im Jahr 1984 verlassen, aber das nur am Rande). Dabei hat der gute Mann lediglich das Interface für die Circles entworfen, was für sich genommen aber auch schon eine beträchtliche Leistung darstellt, denn tatsächlich lassen diese Kreise sich so einfach und übersichtlich bedienen, dass man sie auch verwendet.

Und hier lässt sich an die Frage anknüpfen, inwieweit Google+ die größere Relevanz für Unternehmen haben könnte. Die etwas simplere Antwort lautet: gar nicht, die interessantere hingegen: Akzeptanz dank Anwendbarkeit. Das bedeutet nicht, dass Unternehmen ihre Intranets zu Google+ verlegen, sondern dass Google+’ Usability das Design zukünftiger Intranets beeinflussen wird.

Prinzipiell verfügen sowohl Facebook als auch Google+ über ganz ähnliche Funktionen. Zum jetzigen Zeitpunkt fühlen sie sich aber anders an. Während meine Grillfreunde sich auf Facebook an meinen Urlaubsfotos erfreuen und mir die heimelige soziale Wärme meiner Lieben bis in Europas Südwesten folgt, fühle ich bei Google+noch immer so etwas wie professionelle Distanz. Hier liegt übrigens auch die Ursache für die Deutung, Facebook befinde sich eher am Social-Pol der Social Media-Weltkugel: auf Google+ trifft man eine ganze Menge Leute eben noch nicht und zwar alle Menschen, deren Umzug von StudiVZ zu Facebook damals zwei bis drei Jahre dauerte, weil sie entweder so lange mit dem neuen Netzwerk fremdelten und es sich zunächst so leer und kalt anfühlte, oder die andere Gruppe, die der Idee, private (soziale) Kommunikation ins Internet zu verlegen, lange skeptisch gegenüber stand. Ob es ausgerechnet Google gelingen wird, die dritte Gruppe, nämlich die der Hausfassadenfotografieverweigerer, für soziales Netzwerken zu begeistern, darf bezweifelt werden. Facebooks Weg zur Akzeptanz war zumindest in Deutschland ein langer und steiniger – ob Google+ im sozialen Bereich eine Abkürzung findet wird sich zeigen, ein Plugin für die Integration des heimeligen Facebook Streams gibt es ja bereits. Unter den digital Professionals scheint diese Abkürzung jedenfalls gefunden zu sein. Googles Bemühen um Integration des Portfolios dürfte gerade den professionellen Netzwerkern und Online-Kollaborateuren sehr entgegenkommen.

Wenn Menschen von “Facebook für Unternehmen” sprechen, dann meinen sie damit häufig Software, die Facebook in Aussehen und Funktionsumfang ähnelt. Dies ist vermutlich der großen Konfusion um Begriffe wie Social NetworkSocial MediaSocial Business und Social Workplace geschuldet, dabei ist der gemeinsame Nenner dieser Begriffe doch auffallend. In Hinblick auf Akzeptanz kann man nicht einfach Software installieren, die Anwender einen halben Tag im Umgang schulen und sich dann darüber wundern, dass der häufigste Kommentar ein genervt genörgeltes “wann soll ich das denn noch alles machen” ist. Stattdessen bedarf es der Verknüpfung sozialer und digitaler Komponenten der Kommunikation. Ob Google+ eine ähnliche Relevanz erfahren wird wie Facebook wird nicht daran liegen, dass es mit besseren oder anderen Funktionen als Facebook aufwartet, sondern ob die Menschen es annehmen. Dies ist in jedem Social Media-Projekt in Unternehmen der wichtigste Aspekt, ungeachtet der zum Einsatz kommenden Tools. Ohne eine überlegte, an die Unternehmenskultur angepasste Kommunikationsstrategie, ist jede Software nur ein weiteres Tool. Der Social Workplace aber ist kein Tool, sondern das Ergebnis einer wohldurchdachten Vernetzungsstrategie, einer daran anknüpfenden Softwareauswahl und einer begleitenden Akzeptanzkampagne, die ohne den externen Blick Gefahr läuft, die Menschen nicht dort abzuholen wo sie stehen, sondern wo man sie gerne hätte. Social ist dabei immer die Interaktion von Menschen und nicht das Werkzeug. Das ist die Substanz. Alles andere ist Hype. Trotzdem wird es mich nicht wundern, wenn ich auf einem nicht allzu fernen Grillfest gefragt werde, ob ich “so etwas wie Google+ für Unternehmen” mache.

Kommentare

Adrian
Google+ hat schon das Zeug Firmen in seinen Bann zu ziehen. Ich glaube sogar, dass Google es bewusst so angelegt hat – würde schließlich zu gut in sein Portfolio passen.


Thomas Löwe
Sehr stringente Überlegungen.

Interessant finde ich die Frage nach der Gruppe, die dem Verlegen sozialer Kommunikation in das Internet bislang skeptisch gegenüber stand. Mein engster Freundeskreis besteht nämlich aus genau solchen Menschen. Dieses simple Circles-Konzept sowie die gut zu editierenden Privatsphäreeinstellungen hat sie dazu veranlasst, G+ mal auszuprobieren. Und nach zwei Wochen komme ich schon fast nicht mehr hinterher, mir all die Neuigkeiten, Kommentare, Familienbilder, Liveberichterstattung (“Der Regen auf der Autobahn nervt langsam!”) oder Schnappschüsse aus unserer gemeinsamen Vergangenheit etc.pp. anzuschauen, die nun gepostet werden. Ein absoluter Volltreffer. (Sie haben dabei bewusst die Vertrauensfrage nach der Nutzung bzw. Auswertung ihres Contents durch Google positiv beantwortet).

Ob das den Sieg von G+ über Facebook beeinflussen wird, vermag ich nicht zu beantworten. Es unterstreicht aber die Grundthese deines Blogs, dass die Akzeptanz nur dann kommt, wenn die Menschen den Umgang mit dem Social Media-Angebot annehmen – also dann, wenn der Umgang damit Spaß macht, einfach zu verstehen ist und vor allem: mir persönlich einen Mehrwert liefert (der im Fall von Facebook/Google+ ja einfach “es unterhält mich” heißen kann).

Hiervon konnte ich dank des durchdachten Konzept von Google+ meine Freunde relativ schnell überzeugen, da ich mit einfachen Worten erklären konnte, was wir damit alles anstellen können, welche Fallstricke es gibt, und über welche kleinen Handgriffe sie in der Lage waren, die zunächst für sie persönlich noch bestehenden Privatsphäreprobleme zu beseitigen.

Facebook haben sie dagegen nie akzeptiert. Und gemieden wie der Teufel das Weihwasser.

Doch: man kann von Google+ eine ganze Menge lernen.


 

Some thoughts on… « A Lens a Week Blog
[...] and even better by Kai Fitzner [...]


Kai Fitzner
@Adrian: ich glaube auch, dass Google+ das Zeug hat, Firmen in seinen Bann zu ziehen, aber weniger als Hoster und Provider, sondern als Vorlage. Sicherlich gibt es auch Unternehmen, denen ein sauber ausgearbeitetes SLA genügt, um auch vertrauliche Kommunikationsströme in die Cloud zu geben, aber die meisten wollen noch immer Kontrolle über ihre Daten.

@Thomas: das ist eine interessante Parallele zu mir, meinen Freunden und den Wechsel von StudiVZ zu Facebook. Erst auf Facebook entwickelte unsere kleine Community so etwas wie Leben. Ob viele von uns diese Community zu Google+ überführen werden, wird sich zeigen. Ich halte Google+ auch für das bessere Tool, weil es aus vielen Facebook-Fehlern gelernt hat, aber ungeachtet dessen sind auch noch viele Facebook-Freunde so verwurzelt, dass sie sich an Unterschriftenaktionen zur Wiederherstellung des alten Chats beteiligen. Das nenne ich Akzeptanz.


 

Frank
Vielen Dank für diesen exzellent geschriebenen Beitrag! Habe als ITler die gleiche erstickende Kommunikation über den Job schon oft erlebt.
Mir scheinen die Circles endlich eine Trennung meines Umfeldes zu bieten, die mich immer von Facebook abhielt.


Tobias Mitter

 

Die Circles sind perfekt, um gezielt Informationen auszusenden; für das gezielte Empfangen von Informationen helfen Sie nur bedingt. Dabei ist die Möglichkeit des Filterns von Informationen im Unternehmensalltag ein wichtiger Baustein, um mit Informationen effektiver und besser umzugehen.

Erste Schritte in diese Richtung werden jetzt von Drittanbietern wie der Chrome Erweiterung “Plus Minus” gemacht: So kann der Nutzer seinem Stream auf die für ihn bei seiner aktuellen Aufgabe relevanten Kreise einschränken. Für die Akzeptanz einer Google+ inspirierten Kommunikation in Unternehmen halte ich dies für unabdingbar. Es bleibt spannend, ob Filtermöglichkeiten Eingang ins Kernprodukt Google+ finden.


 

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