Kai Eric Fitzner

Neuerungen? Schnickschnack. Nicht mit mir!

Kai Eric Fitzner am 20. März 2012   Jetzt kommentieren




So manche Neuerung erschließt sich nicht jedem sofort.

So manche Neuerung erschließt sich nicht jedem sofort.

Es ist ein Allgemeinplatz, dass Menschen, insbesondere ältere Menschen, mit neuen Technologien nicht zurechtkommen, ja bisweilen sogar Angst vor neuen Errungenschaften oder Veränderungen überhaupt haben. Natürlich gilt das nicht für alle Menschen und, ebenso natürlich, nicht für alle Veränderungen oder Neuerungen. Aber das Grundunbehagen sollte niemanden verwundern, da wohl jeder von uns mit fortschreitendem Alter die eine oder andere Veränderung äußerst argwöhnisch beäugt. Douglas Adams hat unser Verhältnis zu Veränderungen anhand technologischer Neuerungen in drei Phasen eingeteilt, die, wie ich finde, das Prinzip wunderbar illustrieren, ohne mit empirischem Schnickschnack zu verwirren. Ich paraphrasiere, weil ich die Originalstelle (oder das Buch überhaupt - ich glaube es war "Salmon of Doubt") gerade nicht finde.

1. Alles, was zum Zeitpunkt unserer Geburt existiert, wirkt natürlich. Auch die Dinge und Erfindungen, die in den auf unsere Geburt folgenden 15 Jahren hinzu kommen, regen uns nicht weiter auf, sondern integrieren sich prima in unser Weltbild.

Ich denke, da können wir uns alle reinfühlen. Die Welt, in der ich aufgewachsen bin, kannte Autos, Flugzeuge, U-Boote, Mondraketen, Stereoanlagen, Staubsauger, Taschenrechner, Fernsehen und Radio. In den ersten 15 Jahren kamen Spielekonsolen, Space Shuttles, Computer, Walkmen, Digitales Audio und Video, Spannbettlaken, Videorekorder und Digitaluhren hinzu, so dass ich mich insgesamt ganz gut versorgt fühlte.

2. Alles, was zwischen unserem 15. und 35. Lebensjahr erfunden wird, wirkt neu, aufregend und revolutionär und bietet sich als möglicher Karrierepfad an.

Große Computernetzwerke bis hin zum Internet, Mobiltelefonie und das dadurch bedingte Online-/Offline-Paradigma haben in der Tat diesen Reiz auf mich ausgeübt und meinen beruflichen Werdegang entscheidend beeinflusst, obwohl das nicht geplant war. Vielen meiner Weggefährten ging es nicht anders und noch heute begeistern wir uns an den Möglichkeiten, die uns diese bahnbrechenden Technologien ermöglichen. Meine Kinder nehmen das schulterzuckend zur Kenntnis und sind amüsiert (siehe 1.).  

3. Alles, was nach unserem 35. Lebensjahr erfunden wird, ist widernatürlich.

Dies ist die schwierigste Phase, denn sobald wir dieses Alter erreicht haben, negieren wir dieses ablehnende Verhalten aufs Äußerste, weil ja mittlerweile sowieso nur noch Quatsch erfunden wird. Soziale Netzwerke, Online-Kollaboration, Internet Banking sogar übers Handy, Smartphones, Tablets, virtuelles Klassenzimmer, Online-Universität - das sind doch alles Spielarten längst bekannter Technologien, nichts Neues, Humbug, Gedöhns. Nein, unsere Arbeit hat auch ohne den ganzen Krempel funktioniert, so was brauchen wir alles nicht, usw. Ich könnte sogar erklären, woran das liegt, aber wir sind hier ja im Blog und nicht beim Tanztee. Im Internet hat ja keiner Zeit, denn die Leute sollen ja arbeiten und nicht surfen.

Sind alle Menschen dazu verdammt, Neuerungen abzulehnen oder ihnen zumindest skeptisch gegenüberzustehen? Prinzipiell schon, auch wenn sich die meisten Menschen für Ausnahmen halten. Aber oft hält diese Selbsteinschätzung keiner Prüfung stand. Unser ablehnendes Verhalten Neuerungen gegenüber ist ja nicht beabsichtigt, sondern setzt irgendwann einfach ein. Das mit sich gleichenden Reizen gelangweilte Hirn stellt sich auf Langeweile ein und empfindet Störungen des Alltags als zu energetisch aufwändig, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dies dient unserem Schutz und einem effizienten Energiehaushalt, wirft aber immense Hürden auf, wenn es darum geht, sich auf neue Situationen einzustellen.

Ein weiterer Grund ist sicherlich, dass wir in unserem Arbeitsalltag nicht mehr ausreichend Zeit finden, Dinge zu durchdenken. Es gibt Gegenbeispiele zur Phase-3-Mensch-Hypothese, ich weiß. Manch einer kommt erst später in das ablehnende Alter, manch einer gar nicht und wiederum andere bereits mit 20. Es ist aber für jeden von uns immer wieder hilfreich, sich und seine Ansichten zu hinterfragen und dabei auf Impulse von Außen setzen.

Es ist nämlich die aufkommende Gefahr der Betriebsblindheit, die einen auf den Rat Anderer zurückgreifen lässt. Das ist ein Zeichen von Stärke, weil es bedeutet, dass man um die Gefahren der Betriebsblindheit weiß, anstatt sich in anderen Allgemeinplätzen zu verlieren (“wenn die Monster AG wüsste, was die Monster AG weiß”). Die Alternative wäre, die Notwendigkeit einer Veränderung abzunicken, sich selbst aber nicht durch den Wust an Transformationen durchdenken zu können. Das ist dann der Augenblick, in dem das Schönreden (oder das verbale Schönsaufen, wie Oliver Kalkofe es auf dem Kommunikationskongress 2011 so treffend formulierte) des Status Quo beginnt. Wenn dann die Erkenntnis einsetzt, dass man doch etwas hätte machen sollen, weil die eigene Zukunftsfähigkeit gefährdet ist, wird gerne versucht, den versäumten Umbau übers Knie zu brechen. In genau diesen Zeiten ist die Rolle besonnener Ratgeber mit dem klaren Blick von Außen auf das große Ganze unersetzlich.