Michael Clivot

Produktionsarbeiterinnen und -arbeiter aller Länder, vernetzt Euch!

Michael Clivot am 22. Juli 2015

 

Vor einigen Jahren war ich auf einer Konferenz zu Gast, auf der ein CIO eines großen Industrieunternehmens mit mehr als 10.000 Mitarbeitern einen Vortrag über das Social Intranet gehalten hat. Dabei hob er die Wichtigkeit einer Vernetzung zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit über mehrere Standorte hinweg hervor und verwies auf die großen Chancen und Optimierungspotenziale. Recht hat er. Das Problem dabei ist, dass unter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für ihn lediglich die Wissensarbeiter in den Büros (White Collar Workers) zu verstehen waren. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Produktion (Blue Collar Workers) gehören offensichtlich nicht zu denen, die sich vernetzen sollen. Auf eine Nachfrage meinerseits antwortete der Referent: „Was sollen die denn im Social Intranet? Die haben gar keine Zeit dafür?“. Natürlich bot der zeitliche Rahmen des Vortrags keine Möglichkeit, sich eingehender darüber zu unterhalten, aber ich glaube, dieser CIO liegt mit seiner These falsch, insbesondere deshalb, weil der Anteil der Produktionsarbeiterinnen und -arbeiter an der Belegschaft nicht unerheblich ist.

Selbstverständlich sind die Rahmenbedingungen in der Produktion andere als im Büro. Und auch Produktion ist nicht gleich Produktion. Wie stark ist die Produktion getaktet, wie stark ist sie automatisiert, wie flexibel muss sie sein, welche Lärm- und Temperaturbedingungen herrschen vor. Aber auch Büro ist nicht gleich Büro, und die Verhältnisse sind auch dort zwischen den Unternehmen sehr unterschiedlich. Insofern ist im Büroumfeld genauso wenig wie im Produktionsumfeld vordefiniert, wie ein Social Workplace aussehen kann. Auch hier geht es konkret darum, entlang der Kultur, der Prozesse und eben der Anspruchsgruppen und Anwenderfälle zu definieren, wie und ob der Social Workplace helfen kann, durch soziale Vernetzung und digitale Zusammenarbeit die tägliche Arbeit einfacher und effektiver zu machen.

Nach meiner Einführung in diesem Beitrag werde ich in den nächsten Wochen einige Anwendungsfälle beschreiben, die vor allem deutlich machen sollen, dass es nicht einfach eine Theorie, nicht einfach nur ein Trend, sondern eine ganz konkrete und reale Herausforderung für Industrieunternehmen ist.

Flexibilität erfordert Vernetzung

„Es geht um mehr Flexibilität, und der Mensch ist das flexibelste Element im ganzen System. Er wird der Problemlöser sein, der durch die Fabrik läuft und schaut, dass alles funktioniert.“

Prof. Dr.-Ing. Detlef Zühlke, DFKI

Dieses Zitat beschreibt aus meiner Sicht ganz gut, in welche Richtung die viel zitierte 4. Industrielle Revolution gehen wird (Industrie 4.0). Nachdem im 3. Industriellen Zeitalter der Automatisierung viel über Rationalisierung von Arbeitskraft durch den Einsatz von Computern und Robotern gesprochen wurde, spricht man bei Industrie 4.0 eher vom Umgang von Menschen und Maschine. Die heutigen Produktionsprozesse sind stark individualisiert und stellen daher hohe Anforderungen an Flexibilität und Qualität. Dr. Michael Schmeja, Leiter der Area Informations- und Prozessmanagement am Virtual Vehicle in Graz, sagte auf den 1. Industrie- und Produktion 4.0 Wissensmanagement Tagen in Stuttgart: „Es wird keine menschenleeren Fabriken geben.“ Das heißt die Rolle des Menschen in Fabriken wird eher eine wichtigere werden. Um dieser stärkeren, „eingreifenderen“ Rolle und der steigenden Flexibilität zu begegnen, ist es nicht nur wichtig, dass Menschen und Maschinen gut vernetzt sind, sondern dass die Menschen untereinander ebenfalls vernetzt sind.

Welche Informationen benötigt ein Produktionsmitarbeiter?

Abgesehen vom Vernetzungsbedarf macht es keinen Sinn, Produktionsmitarbeiter von der digitalen internen Kommunikation und Zusammenarbeit auszuschließen, denn schließlich sind sie diejenigen, die im produzierenden Gewerbe die Produkte, mit denen das Unternehmen sein Geld verdient, herstellen. Also hat ein Produktionsmitarbeiter ein genauso großes Interesse an Unternehmensinformationen oder möchte genauso Self Services nutzen wie ein Mitarbeiter in den Büros.

Welche Informationen sind also für einen Blue Collar Worker interessant? Wir haben das Ganze in 4 Informationssilos aufgeteilt:

 

Das wichtige dabei ist, dass der Mitarbeiter sich nicht nur für die Informationen interessiert, sondern sich ggf. auch mit Kollegen über bestimmte Inhalte, Vorgänge, Prozesse oder Probleme austauschen möchte und auch können muss.

Welche Zugangsmöglichkeiten haben Sie?

Produktionsarbeiter haben nun mal keinen PC Arbeitsplatz, zumindest die meisten. Daher können sie nicht regelmäßig und wann sie wollen Informationen aus einem Social Intranet abrufen. Es ist daher wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, wie die Produktionsarbeiter Inhalte konsumieren, aber auch produzieren können.

Die klassische Art und Weise, auf ein Intranet im Produktionsbetrieb zuzugreifen, sind natürlich Kiosk Systeme. Solche Systeme haben sich nicht erst mit Enterprise 2.0 in Industrieunternehmen etabliert. Daimler hat schon 2003 alle Produktionshallen mit solchen Systemen ausgestattet und zwar so, dass kein Mitarbeiter mehr als 30 Meter bis zum nächsten Portalzugangspunkt zurücklegen musste. Mit Erfolg! Der Nachteil von solchen System ist allerdings nach wie vor, dass jede Person sich erneut einloggen muss und vor allem nicht 100 % ortsunabhängig ist.

Daher setzen immer mehr Unternehmen auf mobile Endgeräte bzw. sog. Wearables (tragbare Geräte). Nach dem sog. IT Innovation Readiness Index 2014[1], haben bereits 44 % aller Firmen im produzierenden Gewerbe mobile Prozesse etabliert – 4 Prozentpunkte mehr als 2013. Weit über dem Branchendurchschnitt, nämlich bei 10 Prozentpunkten, lag der Zuwachs im Maschinen- und Anlagenbau. In diesem Segment stieg die Nutzerzahl mobiler Prozesse innerhalb eines Jahres von 37 auf 47 %.

Ein scheinbar widersprüchliches Bild zeichnet die Studie beim Thema Bring-Your-Own-Device (BYOD): Zwar stieg seit dem vorigen Jahr der Anteil derjenigen Unternehmen, die eine dezidierte BYOD-Strategie verfolgen, von 13 auf 23 %. Doch lehnen deutlich mehr Befragte als im Vorjahr BYOD grundsätzlich ab – hier nahm der Wert von 54 auf 63 % zu. Erklärbar wird diese Gegenläufigkeit durch die Tatsache, dass die Zahl der Unentschiedenen, die im letzten Jahr zu BYOD noch keine Meinung äußern konnten, von 9 auf 1 % zurückgegangen ist. Eindeutig dagegen ist der Trend beim Mobile Device Management (MDM): Fast zwei Drittel aller Unternehmen haben MDM inzwischen im Einsatz oder planen, es einzuführen, was einem Plus von 3 Prozentpunkten im Vergleich zu 2013 entspricht.

Im Zuge von Industrie 4.0 Strategien halten auch immer mehr sog. Wearables wie Datenbrillen oder Smart Watches Einzug in Industrieunternehmen. Datenbrillen und Smart Watches sind durch Tasten oder Touch-Eingabe oder über Sprache bedienbar und können dem Mitarbeiter Anweisungen geben oder Benachrichtigungen zukommen lassen. Er könnte damit aber auch mit anderen Mitarbeitern kommunizieren, Videos aufzeichnen oder anschauen oder bestimmte Informationen abrufen. Was sich zunächst wie Zukunftsmusik anhört, ist allerdings bereits heute Realität. Das beweist ein Pilotprojekt von iTiZZiMO und Freudenberg-IT, in dem Datenbrillen in einem Logistikbetrieb eingesetzt werden, um Prozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen. Hier ein Video dazu:

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Ob Smartphones, Tablets, Datenbrillen oder Smart Watches, durch die neue Gerätevielfalt kann die Verwirklichung des Social Workplace ortsunabhängiger und flexibler erfolgen. Da solche Geräte ohnehin für eine verbesserte Mensch-Maschine Interaktion immer wichtiger werden, sollte dieser Trend genutzt werden, um nicht nur die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, sondern auch zwischen den Menschen zu verbessern.

In den nächsten Beiträgen aus dieser Serie wollen wir auf einige konkrete Anwendungsfälle eingehen:

  • Lösung eines Problemfalls in der Produktion
  • Innovation Management für Produktion und F&E
  • Einführungsunterstützung von Cyber-Physischen Systemen
  • Wissensmanagement und Dokumentationsoptimierung
  • Koordinierung und Verwaltung von Schicht- und Bereitschaftsplänen