Kai Eric Fitzner

Realitätsverzerrung im Schatten des Telespargels

Kai Eric Fitzner am 17. Januar 2012   Jetzt kommentieren




Der Bundesverband deutscher Pressesprecher bat im September 2011 unter dem Titel Kommunikationskongress zur großen kommunikativen Nabelschau nach Berlin, inklusive Galanacht und Preisverleihung. Wer diesem Ruf nicht folgte, sollte sich entweder vor Wut entzweireißen oder meinen Bericht lesen. Denn wichtige Dinge kamen dort ans Licht.

Den Veranstaltern war es gelungen, für die Eröffnungsrede, in Fachkreisen Keynote genannt, Professor Götz Werner zu gewinnen, der seit einigen Jahren in der Öffentlichkeit dadurch auffällt, dass er ein positives Menschenbild propagiert und den Menschen sogar zutraut, dass sie etwas tun und nicht bloß faul herumschmarotzern wollen. Dass er dafür von einigen Bedenkenträgern in Amt und Würden nicht ganz für voll genommen wird, sagt mehr über dieses Land als jede ministeriale Bilanz. Und so wusste Götz Werner auch in seiner - frei gehaltenen (OMG!!!) - Rede mit dem Titel "Glaubwürdig kommunizieren" viel Einleuchtendes zu erzählen, wie zum Beispiel, dass man Mitarbeiter besser anspornt, indem man sie für etwas begeistert, einen Sog entfacht anstatt Druck auszuüben. Das Applaus-O-Meter suggerierte jedenfalls, dass Herr Werner haargenau den Nerv des Publikums getroffen hatte, und so hatte ich für einen kurzen Moment die Hoffnung, dass nun doch alles gut werden würde auf dieser Welt. Dann aber übernahmen die Profis die Agenda.

Es ging - natürlich - um neue Formen der Kommunikation, worunter der Profi scheinbar den Einsatz von Social Media für seine immergleichen Botschaften versteht. Den wirklich bevorstehenden Wandel und dessen gesellschaftliche Implikationen hatte von den Vortragenden und Podiumsteilnehmern wohl nur Sascha Lobo verstanden, den ich an dieser Stelle einmal vollkommen ironiefrei loben möchte, wenngleich es auch ihm nicht gelang, dem professionell auf Broadcast (Senden) und Mustervergleich (das habe ich schon mal gehört) gestellten Publikum diese Implikationen zu vermitteln. Im Übrigen tauchte das gute alte Bermuda-Dreieck (Sender-Botschaft-Empfänger) der Kommunikation so häufig auf, dass ich mich des Eindrucks nicht verwehren konnte, die Leute glaubten wahrhaftig immer noch, dass Kommunikation so funktioniert. Das beachtliche Maß an (nicht nur) daraus erwachsenen Bonmots, die ich mir während des Kongresses notiert habe, würde sich durchaus einer Veröffentlichung als Bathroom Reader (vulgo: Klolektüre) anempfehlen.

Ein paar der schönsten will ich aber auch hier vorab teilen, wie zum Beispiel die fantastische Aussage eines mit allen Wassern gewaschenen PR-Profis: "Web 2.0 kann nicht begeistern, weil es nur zwei Sinne anspricht. Wir müssen also erst Web 5.0 erfinden. Solange bleibt Social Media nur ein weiterer Kommunikationskanal." Wer das gesagt hat, wird an dieser Stelle nicht verraten, nur dass er in diese Idee ganz doll verliebt war.

Schön war auch der folgende Satz des Leiters "Medien, PR und interne Kommunikation" der Bundesagentur für Arbeit: "Wir leiden nicht unter Mangel an Arbeit." Er sagte das allerdings auf eine ganz und gar nette Art, die mich ihm abnehmen ließ, dass ihm die Doppeldeutigkeit nicht bewusst war, was aber eben auch als Indiz für eine Entfernung vom Kern des zu Kommunizierenden gedeutet werden kann.

Ansonsten wurde noch ein neuer "Trend" vorgestellt, der CSR heißt. CSR steht nicht etwa für Customer Support Representative sondern Corporate Social Responsibility. Viel Wert wurde darauf gelegt zu betonen, dass es sich bei diesem "Trend" nicht etwa um Greenwashing handele, sondern dass da bitteschön Substanz hinterstecken möge. So wie ich das verstanden habe ist es also mittlerweile okay nett zu Mitarbeitern, Mitmenschen und Umwelt zu sein, so lange man da professionell drüber kommuniziert. Aber vielleicht war ich zu diesem Zeitpunkt schon mürbe gesendet.

Ich könnte jetzt noch die Keynote des zweiten Veranstaltungstages auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Gedanken von Substanz sezieren, aber derzeit ist die Erinnerung an jene Rede von Gabor Steingart noch zu schmerzhaft. Bemerkenswert war allerdings seine Beschwerde darüber, dass das Schild vor seiner Ausfahrt mit dem Hinweis, man möge diese freihalten, hier wohne nämlich ein Arzt, gelegentlich ignoriert wird und er das ungeheuerlich findet, geradezu phänotypisch für eine Gesellschaft, die verwirrt ist, “die nicht mehr weiß, was normal ist”. Dass ein Chefredakteur einer Wirtschaftszeitung es hingegen normal findet, seine gesellschaftliche Bedeutung mit der eines Arztes gleichzusetzen, der zwecks Lebensrettung sein Fahrzeug jederzeit in den Verkehr zu steuern vermögen möchte, spricht Bände über des Redakteurs geistige Verfasstheit. Ist ja auch unverschämt, wenn einem die Leute die Lügen nicht mehr abnehmen, gell? (Kognitive Dissonanz, ick hör dir trapsen!)

Jedenfalls war weder dort noch anderswo ein Hinweis darauf zu finden, warum die Leute bei Götz Werners Vortrag so frenetisch applaudiert haben. Vermutlich weil der Mann ein erfolgreicher Unternehmer ist und Erfolg gehört nun mal beklatscht. Andererseits haben aber auch gut 1700 Profis hysterisch geklatscht, als Oliver Kalkofe auf der Speakersnight (Gala-Abend) ihren Berufsstand beschrieb: “Professionelle Kommunikation ist das verbale Schönsaufen der Realität.”

Man kommt gar nicht mehr drauf, dass der das ernst meinen könnte - der Kalkofe ist ja immer so lustig.

Na, dann Prost!

PS: Die Überschrift ist eine nostalgische Reminiszenz an eine Max Goldt-Kolumne aus dem Jahr 1989 mit dem verheißungsvollen Titel "Bosa Nova im Schatten des Tele-Spargels."