Bianca Gade

Social Media: Warum wir Liebe schenken aber nicht kaufen dürfen

Bianca Gade am 01. März 2010

 

Ausnahmsweise möchte ich heute meinen Beitrag mit einer kleinen Geschichte anfangen und hoffen, dass diese niemals so passiert ist und niemals so passieren wird…

Es ist Ostern. Draußen scheint die Sonne, es ist sogar schon richtig warm. Im Haus des älteren Ehepaares Mayer ist es heute etwas lauter, denn Sohn und Schwiegertochter sind mit ihren beiden temperamentvollen Mädels zu Besuch. Die Dame des Hauses hat zur Feier des Tages ein wundervolles Gericht gezaubert und zum Nachtisch gab es eine herrliche Mousse au Chocolat, nach besonderem Rezept der Schwiegertochter, die sich sehr geschmeichelt fühlt. Nach dem Essen gehen alle sechs spazieren und dabei suchen die Kinder die vorher liebevoll versteckten Ostergeschenke im nahe gelegenen Wald und verteilen überglücklich die Schokolade um ihre Münder. Es ist einfach ein rundum gelungener Tag. Am Abend dann verabschieden sich alle voneinander, und nachdem sie sich herzlich in den Armen hatten, ergreift der Sohn das Wort und sagt zu seinen Eltern: “Es war ein so wundervoller Tag, und für all eure Mühen für das Essen und die Geschenke für die Kinder möchte ich mich sehr bedanken. Bitte lasst mich euch erkenntlich zeigen.” Dabei holt er seinen Geldbeutel aus der Hosentasche und meint daraufhin: “Sind dafür 200 EUR genug? Ach, was sag ich! 300 EUR sind wohl das Mindeste!” Und hielt ihnen die Geldscheine hin. Was in diesem Moment passiert, kann vermutlich jeder nachvollziehen. Alle schauen ihn geschockt mit aufgerissenen Augen an, und die Mutter bricht in Tränen aus, während ihn der Vater, seine Mutter in den Armen haltend, voller Zorn anblickt.

Was ist hier geschehen? Entspricht eine finanzielle Entlohnung denn nicht dem Wert für die lange Vorbereitung und finanzielle Aufwendung der Gastgeber? Sie merken sicherlich, irgendwas passt hier nicht und ich sage Ihnen, was es ist: Bei unserer Geschichte prallen zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander: Nämlich einmal die des Marktes und die der sozialen Normen.

Übertragen ins Social Web ist die Trennung der unterschiedlichen Welten gerade für ein Unternehmen schwierig. Während einerseits der soziale Kontakt zu Interessenten und Kunden gesucht wird, fließt auf der anderen Seite Geld für beauftragte Leistungen. Für Organisationen bedeutet es gerade bei der Nutzung von sozialen Netzwerken und Medien immer mehr besonderes Fingerspitzengefühl, denn die Gefahr ist sehr groß, Menschen durch Entscheidungen, die innerhalb der Welt des Marktes logisch erscheinen, zu enttäuschen. Denken wir z. B. an anwaltliche Abmahnschreiben oder auch einfach das Ignorieren von Beschwerden. Was uns die Geschichte auch zeigt ist, dass ein fehlerhaftes Überschreiten in die Welt des Marktes böse Folgen haben kann, die, einmal geschehen, so schnell nicht mehr auszubügeln sind.

Um diesen Fettnapf zu umgehen gilt daher:

Zuhören, zuhören, zuhören: Einen schönen Satz schreibt Daniel H. Pink dazu in seinem Buch A Whole New Mind: “Zuhören ist eine Form von Liebe.” Wer das Wort Liebe ungern in einem geschäftlichen Zusammenhang liest, darf dieses gerne mit dem Wort Respekt ersetzen. Denn auch das bedeutet Zuhören und ist letztendlich eine soziale Umgangsform.

Fair sein: Grobe Verstöße gegen die sozialen Normen sind gerade in Internetnetzwerken nicht gerne gesehen und werden – berechtigt oder nicht – scharf kritisiert. Sollte einmal ein Problem im Raum stehen: Lieber einen Anruf zum „Problemkind“ tätigen als direkt einen zum Anwalt. Sehen Sie es so, wie Jeff Jarvis in seinem Buch “What would Google do?” schreibt: “Dein größter Kritiker ist dein bester Kunde”.

Dialoge erzeugen und eingehen: Als mein Lieblingsautor mir auf Twitter einfach nicht folgte und auch sonst (trotz mehrmaliger Versuche) keinen Dialog mit mir einging, habe ich ihn aus meiner Timeline gelöscht. Manche Twitter-User akzeptieren es zwar, wenn nichts zurückkommt, aber die Organisationen verschwenden meiner Meinung nach viel Potenzial, wenn sie angesprochen werden und nicht reagieren.

Dankbarkeit: Danke sagen ist eine soziale Eigenschaft, womit Sie demjenigen, der Sie positiv erwähnte, Freude schenken. Er wird es vermutlich gerne wieder tun.

Geschenke: Hätte der Sohnemann in unserer Geschichte seinen Eltern ein schönes Wochenende in einem Hotel geschenkt (z. B. im Wert von 300 EUR), so wäre die Situation vermutlich nicht aus dem Ruder gelaufen. Geschenke im Social Web sind Aufmersamkeit und Vernetzung durch setzen von Links. Sparen Sie nicht damit und schenken Sie, so viel Sie können.

Wer sich also klar dafür entscheidet, sein Unternehmen in sozialen Netzwerken mit Social Media Werkzeugen voran zu bringen, muss sich darüber im Klaren sein, welche Normen dort gelten. Es geht nicht nur darum kommerzielle Ziele zu erreichen, sondern auch darum als Organisation Gesicht zu zeigen und einen Beitrag zu leisten. Daraus ergeben sich wiederum langfristige kommerzielle Potentiale.

Wer sich im Umgang mit den Regeln im Social Web noch schwer tut, dem hilft vielleicht eine kleine Eselsbrücke: Weniger sagen: “Wie steche ich bestmöglich aus der Masse heraus?” als mehr zu fragen: “Wie kann ich für das große Ganze meinen eigenen Beitrag leisten?”

 

Kommentare

Frank Becker
Was für eine erschreckende Geschichte! Und eine brutale Art, sensible soziale Bindungen zu zerstören. Du führst einige Kernwerte auf, die so auch in der christlichen Soziallehere stehen. Ich möchte noch einen hinzufügen: Bescheidenheit. Denn noch immer heißt es “tue Gutes und rede darüber”. Dabei geht es doch viel mehr darum: Tue Gutes. Und zwar aus reinem Selbstverständnis. Und dann reden die anderen darüber. Erst dann hst du wirklich was erreicht. Gut geschrieben, Bianca.


Bianca Gade

Hallo Frank,

herzlichen Dank für Dein tolles Feedback und das von einem Text-Experten. Bzgl. Bescheidenheit triffst Du voll ins Schwarze und ursprünglich hatte ich es sogar im Text. Nun ärgere ich mich, es wieder herausgenommen zu haben aber es wollte mit der Formulierung nicht so recht gelingen. Dafür Danke an Dich, dass jetzt Du es aufgegriffen hast.

Viele Grüße
Bianca


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[...] folgt die Phase des Zuhörens. Ich habe kürzlich in einem Blogpost von Bianca Gade (@ChiliConCharme) einen beeindruckenden Satz gefunden (was aber andere Teile des insgesamt [...]

Reinhard Karger
Bianca, weise Worte, schöner Text!
Ich habe Deinen Post direkt als Saarcamp-Thema ergänzt:
http://saarcamp.mixxt.de/networks/wiki/index.themenliste
… und meinen Facebook-Kommentar auf Deinen Blog gestellt…


Bianca Gade

Hallo Reinhard,

zu viel der Ehre. Dann wird mein Vortrag vielleicht doch ein bisschen länger ;)

Freu mich, dass der Text Dir gefallen hat und danke für Dein Feedback.

Viele Grüße
Bianca


Clemens Weins

Ich bin begeistert! Du hast da wirklich einen grandiosen Text geschrieben und die Thematik “Netiquette” im Social Web aus unternehmerischer Sicht durch ein messerscharfes Beispiel auf eine neue Ebene gestellt.

Danke dafür! Werde dich in deinem Namen zitieren.