Bianca Gade

Unternehmen machen Fachkräfte

Bianca Gade am 15. November 2011

 

Es war an einem Sonntag, an einem sonnigen November Nachmittag. Wir fuhren in meinem Auto zu einem kurzen Termin zu einer lieben Bekannten nach Eppelborn. Neben mir saß Flo*, eine 17-jährige Schülerin, und wir plauschten ein bisschen über Hobbys, Partys und die Schule. Auch auf soziale Netzwerke kamen wir zu sprechen, als sie mich fragte, womit ich mein Geld verdiene. Zugegeben, das zu erklären ist generell eine Herausforderung, und da ich nicht wusste, wie vertraut sie mit “meinem” Thema war, beschränkte ich es grob mit den Schlüsselbegriffen “was mit Kommunikation und Marketing”, “Bloggen”, “Twittern” und “auf Konferenzen gehen und Vorträge halten.” Sie schwieg. Weil ich es verständlich erklärt hatte oder ob das genaue Gegenteil der Fall war, konnte ich nicht entschlüsseln. So schloss ich meine Erklärung mit der Frage, ob sie das Thema Soziale Netzwerke denn auch in der Schule hätten? Und erntete zur Antwort: “Ja, es gab mal einen Vortrag darüber. Seitdem habe ich meinen Nachnamen auf Facebook geändert, wie viele meiner Klassenkamaraden jetzt auch”. “Autsch”, dachte ich und biss mir auf die Zunge. Ist denn das alles, was wir unserer Jugend heute über Kommunikation beibringen können? Den Nachnamen auf Facebook zu ändern?!

“Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben” Albert Einstein

Der Fachkräftemangel in Deutschland kostet Unternehmen 33 Milliarden Euro. Das ist exakt die Summe, die die Japanische Regierung für den Wiederaufbau nach der schrecklichen Katastrophe in Fukushima einsetzt. Diese Summe veranlasst Wirtschaft und Politik nach Alternativlösungen zu suchen, wie z. B. Ruheständler wieder arbeiten zu lassen (ehrlich: Würden Sie das nach 40 oder mehr Arbeitsjahren tun wollen müssen?), flexibler Einsatz von Fachkräften über Personalvermittler, und Deutschland für ausländische Fachkräfte attraktiv zu machen. Auf der anderen Seite steht unser Bildungssystem auf dem Stand eines antik gewordenen Industriezeitalters, in dem leider nur noch reines Wissen vermittelt wird, gepaart mit einer Prise deutscher Angst, vor allem vor Neuem. Verstehen Sie mich bitte richtig: Ich halte es nicht für falsch, vor Gefahren zu warnen, doch genauso wichtig sollte es sein, über die Chancen aufzuklären. Und sollten wir nicht bei denen anfangen, die kurz davor sind, sich für einen Beruf zu entscheiden, sprich eine Fachkraft zu werden?

Aber halt: Wovon reden wir überhaupt, wenn wir von Fachkräften sprechen? Ist man dann eine Fachkraft, wenn man die Schule abgeschlossen hat? Die Ausbildung? Das Studium? Oder ist es jemand erst dann, der Berufserfahrung hat? Und wenn ja, wieviel ist gefordert? 3 Jahre? 6 Jahre? Oder 10 und mehr?
Verstehen Sie, es ist eigentlich überhaupt nicht einfach, diesen Begriff näher zu definieren, dennoch spricht jeder davon, dass wir keine “Fachkräfte” haben. Doch wie können wir das Problem lösen, wenn nicht einmal klar ist, was wir eigentlich benötigen?

“Wir bilden unsere Jugend auf Tütensuppen-Niveau aus, obwohl wir Sterneköche benötigen”, sagte Gunter Dueck sinngemäß in einer seiner hervorragenden Präsentationen und meinte damit: Wir bilden unsere Jugend für die normale Arbeit im System aus. Eine Arbeit der Auftragsabwicklung, des Produzierens, Verwaltens, Kassierens, Managens. Eine Arbeit, bei der Kontinuität und stetiges Arbeitsaufkommen vorausgesetzt wird. Jedoch haben diese Arbeitskräfte dann ein Problem, wenn diejenigen, die das Arbeitsaufkommen beeinflussen (i.d.R. Unternehmer und Führungskräfte), es nicht mehr tun wollen oder können. Und sollte unsere Jugend nicht ganz eingeschüchtert einen der Berufe erfassen, die vermeintlich sicher, aber nur zum systematischen Abarbeiten von Aufgaben taugen, so können wir nur noch die Hoffnung hegen, dass wir in ein paar Jahren trotzdem noch weiterhin Fachkräfte haben, die Einfluss auf das Arbeitsaufkommen haben werden.

Was eigentlich Fachkräfte sind, wird anschaulich von Gunter Dueck in seinem neuen Buch “Professionelle Intelligenz” beschrieben. Seine Ansicht ist, dass wenn wir über Fachkräfte reden wir auch über Intelligenz reden müssen  - oder vielmehr IntelligenzEN. Denn nichts wird zukünftig so wichtig werden wie die Kombination von:

IQ – Intelligenz des Verstandes: für Methoden, Planung, Controlling, Verwaltung
EQ – Emotionale Intelligenz: für Kommunikation, Zusammenarbeit, Motivation
VQ – Vitale Intelligenz des Handelns: für Führung, Durchsetzungsvermögen
AQ – Intelligenz der Sinnlichkeit, Sinn für Attraktion: für Marketing, Werbung, Verkauf
CQ – Kreative Intelligenz: für Kunst, Forschung, Technologie, Innovation
MQ – “Sinn für Sinn”

Und würden Sie nun protestieren wollen in der Vermutung, dass wir auch solche Arbeitskräfte benötigen, die im System einer Routine nachgehen, so ist das richtig. Und dennoch werden auch diese Berufe in Zukunft mehr brauchen als die Schulfächer unseren Kindern heute mitgeben können. In einer zufällig ausgewählten Stellenbeschreibung für einen Kundenvertriebsberater (m/w) steht unter anderem:

  • Kunden- und vertriebsorientierte Denk- und Arbeitsweise
  • freundliche und kommunikative Art
  • Breites Produktwissen und eine hohe Flexibilität in der Kundenansprache
  • Hohe Lern- und Veränderungsbereitschaft
  • Sehr gutes und bildhaftes Ausdrucksvermögen
  • Hohes Maß an Eigenmotivation

Das sind Softskills, die abhängig davon gemacht werden, ob diese in einer Familie vermittelt werden (können) oder nicht. Was bleibt einem Jugendlichen aber, wenn er diese Eigenschaften nicht mitbekam?

Ohne zu sehr in die Bildungspolitik abzuschweifen, möchte ich Ihnen deutlich machen, wie sehr sich unsere Arbeitsplätze wandeln und wie wenig wir darauf vorbereitet sind. Aber müssen wir uns tatsächlich als Arbeitnehmer vor der Zukunft ängstigen angesichts dieser Prognosen? Ja und Nein: Gesellschaftlich stehen wir vor der großen Herausforderung, dass die Schere zwischen Nicht-Fachkräften und Fachkräften zu weit auseinander geht. Für uns persönlich heißt es dabei mehr denn je, sich nicht auf dem Wissen eines Bildungssystems auszuruhen, sondern Erfahrungen zu machen. Der Lohn wird sein, mehr Spaß, Selbständigkeit und Sinn bei der Arbeit zu haben.

Die Challenge ist, dass Organisationen nun diejenigen für sich finden und gewinnen müssen, die für ihre Ziele von Belang sind. Das ist mitunter gar nicht so einfach, wie Sie vielleicht schon selbst feststellen mussten. Es gibt zwar viele junge Leute, die ein gutes Studium oder eine Ausbildung absolviert haben, doch das reicht für viele Aufgaben schon lange nicht mehr. Und während wir hoffen, dass dies möglichst viele Menschen für sich begreifen, besteht die Herausforderung an die Organisationen, die schlauen Köpfe, nachdem sie einmal für´s Unternehmen gewonnen wurden, auch zu halten, indem…

  • …sie die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber steigern.
  • …Fachkräfte immer und zu jeder Zeit gefunden werden – gerade auch intern und bezogen auf Themen. Und zwar von allen Mitarbeitern.
  • …Führungs- und Fachkräfte an der Gestaltung einer gesunden Unternehmenskultur mitarbeiten.
  • …sie das interne Netzwerk durch Kommunikation fördern, damit sich Wissen, Erfahrungen und auch Gefühle im Unternehmen verbreiten – denn das verbindet. Wer von den Fachkräften würde da noch gehen wollen?

In Anbetracht der derzeitigen Bildungspolitik werden die wirtschaftlichen Probleme, die letztendlich die Betriebe und Steuerzahler betreffen, nicht weniger. Umso wichtiger ist es, das Heft selbst in die Hand zu nehmen und etwas zu tun. In die Befähigung der eigenen Mitarbeiter zum Beispiel, in die Weiterentwicklung ihrer Fähigkeiten und Kompetenzen. Was würde sich da besser eignen als eine strategische Vorgehensweise zur Vernetzung der eigenen Mitarbeiter – ein Social Workplace? Was denken Sie darüber?

*Name geändert

 

Kommentare

Joachim Lindner
Mir gefällt der Artikel, da er sehr gut darstellt, wie die Mitarbeiter der Zukunft sein sollen und dass Unternehmen sich auch darum kümmern müssen, dass sie auch so sein können. Ich bin allerding nicht in allen Punkten der gleichen Meinung. Bei Sinnlichkeit finde ich die Verbindung mit Intelligenz nicht ganz passend. Natürlich ist dafür eine gewisse intellektuelle Leistung erforderlich, aber das hat für mich weniger mit bewusster mentaler Leistung zu tun. Es ist vielmehr ein unterbewusster Prozess und hat mehr mit Gefühlen zu tun, obwohl man eine Antenne dafür natürlich auch entwickeln kann.


Kai Fitzner
Ich glaube nicht, dass Intelligenz und Intellektualität weiterhin als Paar auftreten, außer im Falle des IQ. Inwieweit die anderen Intelligenzen (aus-)bildbar und messbar (irgendjemand wird das irgendwann messen können wollen, weil sonst seine Welt nicht mehr funktioniert) sind, wird sich zeigen. Ich bin überzeugt, dass das Bewusstsein um die unterschiedlichen Ausprägungen verschiedenster Talente in unserer Gesellschaft und besonders in der Schule in höchstem Maße unterentwickelt ist. Sich auf diese Diversität einzulassen und sie zu fördern wäre m.E. ein wichtiger Schritt hin zu einer intelligent vernetzten Gesellschaft.