Bianca Gade

Wieviel Kontrolle können wir uns leisten?

Bianca Gade am 21. Februar 2012

 

Die Nachricht ging kurz vor Weihnachten rum wie ein Lauffeuer: VW stellt am Abend den Server ruhig, sodass Angestellte keine Mails mehr auf ihr Blackberry empfangen können. Auch wenn es vom Betriebsrat sicher gut gemeint ist, so ist für mich die Sache klar: Hier wird der Fortschritt zum Sündenbock erklärt, was letztendlich nicht des Problems Lösung ist.

Stellen Sie sich mal eine typische Kreuzung von zwei Hauptverkehrsstraßen in einer deutschen Kleinstadt vor, in der pro Tag ca. 12.500 Autos ihren Weg kreuzen - die eine Hälfte auf der einen, die andere Hälfte auf der anderen Achse. In das typische Straßenbild gehören natürlich auch Fußgänger, Radfahrer und der Busverkehr, die die selbige Kreuzung nutzen. Fragen Sie sich mal, wie es Ihnen gelingen könnte, den Verkehr zu regeln: Mit Ampeln? Einem Fußgänger- und Fahrradweg? Mit Fahrbahnmarkierungen und Verkehrsschildern, die auch beim Ausfall der Ampeln aushelfen? Vielleicht sogar in Form von baulichen Maßnahmen wie Zäunen oder ähnlichem, damit ein unabsichtliches Betreten der Fahrbahn unmöglich wird?
Und dann kommt sowas: Eine Studie ergab, dass fast 90 Prozent aller Unfälle an nur fünf Einzelursachen liegen. Neben Alkohol am Steuer und ungenügendem Sicherheitsabstand, sind es Fehler bei der Vorfahrtsbeachtung, der Geschwindigkeit und beim Abbiegen. Was nun tun? Vielleicht reichen die Regelvorkehrungen nicht, und wir brauchen noch mehr Ampeln, Schilder und Absperrungen? Doch bringen noch mehr Regeln und Kontrolle tatsächlich auch eine Lösung, in dem Fall mehr Sicherheit?

In der niederländischen Stadt Drachten hat der verstorbene Verkehrsplaner Hans Monderman getan, was viele nicht gewagt hätten: Gerade wegen dieser Probleme, die durch Regeln und Kontrollen nicht gelöst werden konnten, schaffte er sämtliche Kontrollsysteme und Regelungen an Kreuzungen ab. Bürgersteige wurde in einer Fläche zur Straße zurückgebaut, Ampeln und Schilder abmontiert und auch die Markierungen wurden entfernt. Der Erfolg ist erstaunlich: Die Anzahl der Unfälle ging auf fast null zurück! Zudem wurde die Geschwindigkeit, mit der sich die Fahrzeuge auf der Kreuzung bewegten, bis auf Schrittgeschwindigkeit reduziert. Plötzlich wurden Fußgänger und Radfahrer zu Partnern, und das Erstaunlichste war wohl: Durch die “Kontrollbereinigung” benötigte man für die Durchquerung der Stadt statt zwanzig Minuten nur noch die Hälfte. Wer es nicht glaubt, möge sich das Video von der Kreuzung ansehen.

Und nun stellen Sie sich mal vor, diese Kreuzung wäre VW oder ein anderes beliebiges Unternehmen mit dem Problem, dass die Kollegen nach der Arbeitszeit noch Mails erhalten. Würden Sie noch dazu raten, noch mehr Regeln einzuführen? Oder würden Sie jetzt eher dazu raten, dass Selbstbestimmung der Angestellten ein gangbarer Weg wäre, der für das Unternehmen und für die Mitarbeiter am sinnvollsten wäre?

Ein Social Workplace bedeutet vor allem, dass das Team an einer gemeinsamen Vision arbeitet. Hier die Technik zum Sündenbock zu machen, führt leider zu nichts: Weil trotz allem anderweitig kommuniziert werden kann, und weil die Ursache im Menschen selbst liegt. Denn ohne einen kulturellen Wandel im Unternehmen ernsthaft anzugehen, werden weiterhin Mails verschickt und sei es an die Privatadresse. Und wenn es keine Mails sind, dann sind es Anrufe, die abends den Angestellten stören könnten. Ist es das, was gewünscht wurde? Ich glaube nicht.

Bildquelle: mkorsakov