Bianca Gade

Wissen ist Markt

Bianca Gade am 26. Januar 2011

 

In den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr hatte ich die Zeit genutzt und unter anderem auch viel gelesen. Ein Buch beschäftigt mich nachträglich besonders, es hat den Titel “Was bin ich wert?” und ist vom Journalisten Jörn Klare. Klare ging auf eine mehrmonatige Reise und sammelte Zahlen, die den Wert eines Menschen ausdrücken.

Auszug aus der Kurzbeschreibung: [...] Tatsächlich werden Menschenleben inzwischen überall ökonomisch bewertet, auch in Deutschland: In Krankenhäusern, Behörden und Personalabteilungen denkt man nach über Fragen wie: »Lohnt« sich eine Ampel, wenn man den Wert eines Lebens mit 1,2 Millionen ansetzt? »Lohnt« es sich, 75jährigen noch neue Hüften einzusetzen? Doch darf man solche Fragen überhaupt stellen? Ist es legitim, die Würde des Menschen ökonomisch zu relativieren? [...]

Uff. Den Menschen an sich wollte ich nie monetär bewerten müssen. Auf der anderen Seite kam die Frage in mir hoch, ob es möglich ist, das Wissen einer einzelnen Person bewerten zu können oder besser noch: das eines ganzen Teams. Bedauerlicherweise wurde dieser Ansatz nur kurz erwähnt, aber nicht weiter ausgearbeitet. Ich ahne, wieso: Vermutlich wird Klare dazu keine Antwort erhalten haben. Was ist also Wissen wert? Kann man es überhaupt berechnen? Sollte man es überhaupt?

Der Gedanke klingt verlockend, künftig nicht nur materielle Güter bewerten zu können, sondern auch immaterielle. Was wäre, wenn wir eine Wissensbilanz ziehen könnten, um heraus zu finden, wo das Unternehmen auf finanzieller Ebene mit dem Gesamtwissen aller Mitarbeiter steht? Eine solche Bilanz könnte z. B. auch helfen, die Erfolgsmessung im Enterprise 2.0 in Zahlen auszudrücken. Eine solche Bilanz kann Führungskräften nicht nur helfen, den ROI von Social Software zu bemessen (Herr Alexander Stocker bloggte kürzlich darüber, und auch der Artikel Die drei wichtigsten Ziele eines Intranet 2.0 und wie man sie messen kann von Besser 2.0 ist lesenswert), sondern würde auch als Eigenkapital gelten und damit das gesamte Unternehmen aufwerten. Finanzielle Nachteile entstünden hingegen, würde dieses Mitarbeiterwissen das Unternehmen verlassen. So eine Wissensbilanzierung könnte den Markt auf den Kopf stellen: Aktien würden bei Entlassungswellen sinken statt steigen, und die Chancen bei möglichen Investoren und Kreditgebern wären besser, je mehr Wissenseigenkapital das Unternehmen in ihrer Bilanz aufweisen kann.

Unternehmensentscheider können sich überlegen, wie dieses Wissen aufgebaut werden kann: Das bedeutet nicht nur, jeden Einzelnen zu Weiterbildungsmaßnahmen zu schicken und auch nicht, nur studierte Fachkräfte einzustellen. Wer nur so darüber nachdenkt, vergisst wichtige Kriterien: die Verbundenheit unter den Kollegen, den Austausch von Erfahrungen und die Erhaltung/Entstehung einer Kultur des gegenseitigen Helfens. Investitionen in die Wissensentwicklung bestehender Wissens- und Personalstrukturen eines Social Workplace sind entscheidend für die drei Kriterien der Wissensschaftsökonomie, die weiter unten näher beschrieben werden. Und demzufolge wichtig für eine positive Wissensbilanz eines Unternehmens, das weit mehr Verbreitung und Akzeptanz finden sollte, als bisher.

Der Gedanke an einer solchen Berechnung ist spannend. Und wenn wir um uns herum schauen fällt auf, dass die Bewertung einzelner Personen bereits ganz alltäglich durch Schulnoten und Gehälter getätigt werden. Aber wie können wir internes Unternehmenswissen, also das Wissen eines ganzen Teams, messen? Können wir es überhaupt?

Die Aufgabe Wissen zu bilanzieren, versucht die Wissensökonomie zu lösen. Sie beschreibt uns, was uns bei der Bewältigung dieser Aufgabe im Weg ist:

  1. Wir messen nicht das Wichtige
    Wissenstransfer und die Beiträge zu dessen Entwicklung werden nicht gemessen und daher auch nicht gebührend honoriert.
  2. Wir messen das Falsche
    Unsere finanziellen Indikatoren lassen keine Auskunft über Wissensentwicklung zu. Komplexe Wirkungszusammenhänge werden daraus nicht deutlich. Was wir daher tun ist uns auf aggregierte Indikatoren zu stürzen und sie zu messen. Wir vernachlässigen kollektives Beziehungswissen und messen nur individuelle Kompetenzen. Gemessen wird Input aber kein Output. Es wird beispielsweise Ausbildungsaufwand gemessen, aber ohne dass man Indikatoren für die Erfolgsmessung hat. Ohne uns zu fragen, ob Messergebnisse geeignet sind, messen wir einfach das, was einfach zu messen ist.

Seit einigen Jahren gibt es Versuche, die versprechen, zumindest in Teilaspekten die Ressource Wissen bewerten zu können. Die Wissenschaftsökonomie hat hierzu drei Kriterien definiert, die grob gegliedert sind in

  • Humankapital
    Mitarbeiterqualifikationen und -eigenschaften wie Kompetenzen und Motivation
  • Strukturkapital
    Strukturen für die Durchführung der Geschäftstätigkeiten wie Prozesse, Kultur, Wissenstransfer, Forschung & Entwicklung, Infrastruktur
  • Beziehungskapital
    Die Beziehungen zu Kollegen, externen Teams und Prozessen. Beispiel: Kunden-, Partner- und Lieferantenbeziehungen, Image

Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Ansätze und Regelungen, um Wissen anhand diverser Kriterien bewerten zu können:

So schreibt der IAS (International Accounting of Standards) für börsennotierte bzw. kapitalmarktorientierte Unternehmen zur Bewertung immaterieller Werte:
“Intangible asset: An identifiable non-monetary asset without physical subastance. An asset is a resource that is controlled by the enterprise as a result of past events (for example, purchase or self-creation) and from which future economic benefits (inflows of cash or other assets) are expected. Thus, the three critical atrributes of an intangible asset are: [IAS 38.7] identifiablity, control, future economic benefits. Examples of possible intangible assets include: computer software, patents, copyrights, motion picture films, customer lists, mortage servicing rights, licences, import quotas, franchises, customer and supplier relationships, marketing rights.”

In der Bilanz sollen immaterielle Güter als Vermögensgegenstände aufgeführt sein:
“[...] wenn aufgrund von Ereignissen in der Vergangenheit Güter in der Verfügungsmacht des Unternehmens stehen und dazu geeignet sind, dem Unternehmen in der Zukunft durch die Herstellung von Erzeugnissen bzw. der Erbringung von Dienstleistungen oder der unmittelbaren Nutzenabgabe an Dritte (z. B. durch Vermietung) Nutzen zu stiften. Ein immaterieller Wert darf darüber hinaus nicht monetärer Natur sein und keine physische Substanz aufweisen; gleichwohl muss er als Einzelheit identifizierbar sein. Wenn diese fünf Kriterien erfüllt sind, kann vom Vorliegen eines immateriellen Vermögenswertes ausgegangen werden.”

Es steht generell die Frage im Raum, ob Mitarbeiterkompetenz und -wissen bilanzierbar sind. Zur handelsrechtlichen Aktivierungskonzeption steht:
“Hinsichtlich der abstrakten Aktivierungsfähigkeit haben immaterielle Werte denselben Kriterien zu genügen, die auch für materielle gelten. So wird ein Vermögensgegenstand im Wesentlichen durch seine selbständige Verwertbarkeit charakterisiert, die gegeben ist, wenn ein Gegenstand, zumindest dem Wesen nach, außerhalb des Unternehmens monetär verwertet werden kann und damit auch einzeln bewertbar ist.”

In meinen Recherchen zu diesem Blogpost stieß ich auf Dienstleister, die Wissensbilanzierung in ihrem Portfolio anbieten. Auch eine Software verspricht einen Wert zur “Identifikation betrieblicher Werte sowie der Marktchancen und -risiken in den Wertekategorien” zu ermitteln. Prof. Günter Koch ist ein Name, den man sich außerdem in diesem Zusammenhang merken sollte. Er ist Generalsekretär von “The New Club of Paris”, einer Vereinigung, die sich der Erforschung von der Transformation von sozialen Systemen verschrieben hat.

Für mich scheint die Wissensbilanz ein zusätzliches Puzzleteil zu sein, das die Wichtigkeit von Kommunikation und Kollaboration im Unternehmen verdeutlicht. Nach all den spannenden Überlegungen von Nutzen durch eine offene und transparente Unternehmenskultur ist es an der Zeit, die Wertvorstellung eines Arbeitsplatzes und eines Mitarbeiters zu überdenken, um den wahren Wert des Menschen als gleichberechtigten und wichtigen Partner im und für das Unternehmen zu erkennen und wertzuschätzen.

Was denken Sie über die Wissensbilanzierung? Ist diese Chance realistisch? Haben Sie vielleicht selbst schon eigene Erfahrungen gesammelt oder sich mit diesem Thema bereits näher auseinander gesetzt?

Kommentare


Marco D. Nattler

Hallo Bianca,

also ich sag es mal plump: Meine Zugehfrau als Kind war mir wichtig. Die kochte meine Leibspeise, bügelte meine Wäsche und war ansonsten einfach nur da… Wenn man jemanden nicht “beziffern” kann, dann war es sie.

Ansonsten glaube ich das “Wissen” den Wert (der noch fehlt) nicht ganzheitlich aufschlüsselt. Ich glaube die “Emotionale Intelligenz” nebst der Umsetzung (des viel zu oft brach liegenden Vermögens) sollte man häufiger auf Rechnungen als Position finden, deren Mehrwert sich – im Normalfall – darstellen lassen sollte.

Übrigens nochmal vielen Dank wegen letzter Woche…


Frank Becker
Hallo Bianca,
da hast du ein wichtiges Thema angefasst, denn: Wissen wird rar. Zum einen werden immer weniger Menschen in Deutschland arbeiten, zum anderen investieren wir zu wenig in Bildung und Wissen. Diese Investitionen müssen die Unternehmen nachholen. EInige tun das schon und übernehmen bereits Studiengebühren für Studenten, die sie nach ihrem Abschluss gerne einstellen möchten. Wissen wird also wieder Macht – in der Hand der Arbeitnehmer.


Bianca Gade

@Marco: Das sind genau die Werte, die als wahren Wert anerkannt werden sollen. Im Unternehmenskontext funktioniert das häufig nur über die Antwort zur Frage: “Was bringt es mir?” Du weißt das besser als ich ;)

@Frank: Dein letzter Satz gefällt mir besonders, denn er trifft den Nagel auf den Kopf. Und ich denke auch, dass Wissen vor allem weiter entwickelt werden muss und zwar immer und überall. Unternehmen sollten sich überlegen, hier rein zu investieren, denn mit der Schule hört das Lernen nicht auf. Ganz im Gegenteil: Im Unternehmen lernt man in der Praxis, ob der theoretische Schwimmunterricht was gebracht hat.

Danke für Euren Feedback :)


Alexander Stocker

Hallo Frau Gade,

vielen Dank für das Erwähnen meines Beitrags.

Das Messen des Erfolgs im Wissensmanagement ist wahrscheinlich noch fast älter, als das Wissensmanagement selbst.. und eine praktikable Lösung ist noch immer nicht in Sicht ;-)

Viele Grüße
Alexander Stocker


Birger Hartung

Hallo Bianca, schöner Artikel.

Ein interessanter theoretischer Ansatz, der in der Praxis bereits überholt ist. Sicher hast du recht, mit der Feststellung “Wir messen das Falsche”. Aber welchen Wert hat diese Erkenntnis?

Wissen wird bereits im großen Stil in eine Ware gewandelt. Im Crowdsourcing-Wettbewerb um ein neues Logodesign treten 15 Teilnehmer an, erzeugen dutzende von Entwürfen, von denen einer mit 150 USD bezahlt wird. Nachfrage und Angebot bestimmen den Wert.

Als nächste Hochburg steht die Bildung auf dem Plan.


Bianca Gade

Hallo Birger,

herzlichen Dank für Dein Feedback :)

Der Wert dieser Erkenntnis obliegt natürlich jedem selbst. Und entgegengesetzt zum Wissen eines einzelnen Designers, geht es mir um den kollektiven Wissenswert und den Beziehungen zueinander. Genau diese Synergie sollte meiner Ansicht nach besser bewertet werden können (= immaterielles Gut) und nicht das Produkt, was daraus entstanden ist (= materielles Gut). Ich erkenne an Deinem Kommentar leider nicht, dass der Ansatz der Bewertung eines kollektiven Wissens bereits überholt ist, wenn es noch gar nicht gemacht wird. Oder kennst Du vielleicht sogar Beispiele, die meine Behauptung widerlegen? Wenn ja, fände ich es sehr spannend, sie zu erfahren :)


Birger Hartung
Hallo Bianca, um beim Beispiel des Designers zu bleiben: Ist nicht auch das Produkt eines einzelnen Designers aus dem kollektiven Wissen entstanden? Schaue ich mir Ausschreibungen auf Crowdsourcing-Plattformen an, ist deutlich zu erkennen, wie sich die Ergebnisse durch die kollektive Erfahrungen verändern. Es gibt auch hier einen kollektiven Wissenswert. Wie bewerten wir diese Synergien? Als Schnäppchen. Belohnen wir das kollektive Wissen? Nein. Am Ende erhält nur ein Designer Geld, da unsere Wirtschaft auf Wettbewerb aufbaut. Ein Wettbewerb, der zunehmend destruktive und disruptive Mechanismen für sein Wachstum nutzt. Die Wandlung materieller Güter in immaterielle digitale Güter verstärkt diesen Trend. Je stärker dieser Wettbewerb wird, um so weniger ist der einzelne Wert. In so einer Welt sehe ich keinen Platz für Synergien und Beziehungen. Damit stimme ich dir zu, dass wir die falschen Maßstäbe ansetzen. Und ich kann keine Theorie nicht widerlegen. Ich sehe aber auch keine praktische Anwendbarkeit.


Bianca Gade

Hallo Birger,

ja genau, ich denke, das ist genau der Punkt: Wir belohnen kollektives Wissen nicht. Wir belohnen Teamwork nicht. Aber wir “belohnen” das, was daraus entsteht. Aber diese Belohnung fällt, z.B. aufgrund der Globalisierung der Industrie in den asiatischen Raum, häufig mager aus. Denn ob ich den Designer nun in Deutschland beauftrage oder in Indien, ist für den ein oder anderen nicht unbedingt wichtig. Das Ergebnis soll stimmen. Und an dieser Stelle schreit vermutlich jeder deutscher Designer berechtigterweise auf, weil “man das ja nicht vergleichen kann” – und hat Recht damit.

Das Designer-Beispiel gefällt mir nicht so richtig, da das Ergebnis dennoch von ihm selbst abhängt – auch wenn er von anderen lernte. Das Lernen ist für mich nicht immer das Entscheidende. Entscheidend ist für mich eher, das gemeinsame (Er)schaffen im Team. Wie das erschaffen eines Produktes, wo ein Designer eine Teilarbeit leistet aber nicht das gesamte Produkt erstellen können muss. Und dieses Teamwissen, mit seinen individuellen Beziehungen zu bewerten, darum geht es mir. Oder anders herum gefragt: Wie errechne ich den Wert einer ganzen Fußballmannschaft? Indem ich einzelne Spitzen-Spieler bewerte oder indem ich danach gehe, wie gut sie zusammen spielen? Diese Errechnung durchzuführen – da bin ich glaub ganz bei Dir – ist nicht trivial, wenn überhaupt (bis ins Detail) möglich – aber der Nutzen ist da, denn die WM will trotzdem jeder gewinnen.